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Der Aufschrei

25. Januar 2013

(aktualisiert am 26. 1.)

Nach dem Stern-Artikel über Rainer Brüderle, der eine Journalistin belästigt hat, schreiben sehr viele Frauen unter #Aufschrei auf Twitter über ihre Erlebnisse mit männlichem Alltagssexismus. Einige lesenswerte Texte (wenn auch mit unterschiedlicher Ausrichtung) zum Thema sind unten aufgelistet.

Grundvoraussetzung für wirkliche Gleichstellung ist ein respektvoller und höflicher (aber nicht verkrampfter) Umgang auf Augenhöhe zwischen Männern und Frauen im Alltag. Es ist sehr erfreulich, wie breit das Thema nun diskutiert wird. Das bedeutet natürlich nicht, dass nun ab Montag nächster Woche alles perfekt sein wird. Aber alles was jetzt geschrieben und diskutiert wird, ist hoffentlich ein kleiner Schritt in die richtiger Richtung. Und trägt die Debatte ein wenig mehr in die ganze Gesellschaft hinein, anstatt nur die üblichen Verdächtigen zu beschäftigten. Denn auch wenn die Gleichstellung schon viel weiter ist als je, es wäre gefährlich wegen all dieser Metrosexuellen- und Softiemännerdebattengeschichten oder sonstwie zu denken, Männer und Frauen würden nun und in alle Ewigkeit in Friede und Freude zusammenleben. Patriarchalisches Denken und unangebrachtes Machoverhalten ist noch immer verbreitet, entsprechend mangelt es Männern immer wieder an Respekt und Anständigkeit gegenüber Frauen – die Beispiele unter #Aufschrei zeigen dies deutlich.

Auch wenn die Brüderle-Geschichte der Auslöser war, man muss diese Alltagssexismus-Debatte von der Diskussion um Macht, Allmacht und Kampagnenfähigkeit großer Medien trennen. Die Macht und Unangreifbarkeit von BILD und Konsorten kann aber, hat man hier schön und deutlich gesehen, durch diese neue Internet-Öffentlichkeit (siehe dazu den Beitrag auf netzwertig.com) etwas relativiert werden.

Eine kleine Auswahl von Texten zum Aufschrei:

Im April eröffnet Christoph Berger seine neue Buchhandlung Leselieber in Berlin-Friedrichshagen. Hoffentlich wird der Laden blühen und gedeihen – gute Buchläden sind nach wie vor etwas sehr schönes und notwendiges. Für die Website habe ich übrigens eine Betrachtung zu „Leben des Galilei“ von Bertolt Brecht geschrieben.

Ach ja, und noch dies:

Rot-grün hat die Wahlen in Niedersachsen mit einem Abgeordnetenmandat mehr gewonnen. Das ist erst mal gut für die Menschen in Niedersachsen (wenn man wie ich davon ausgeht dass rotgrüne Politik meistens besser ist als etwas anderes…). Was kann nun dieses Resultat im Hinblick auf die Bundestagswahlen bedeuten?
Realistische Erwartungen: Die 32,6% der SPD Niedersachsen sind besser als 2008, aber im historischen Vergleich nicht begeisternd. Bis zum Absturz 2003 war die SPD in Niedersachsen für Jahrzehnte über 40%. Trotzdem, die SPD befindet sich seit einiger Zeit eher bei 30% wo es früher 40% plus waren, und das wird auch noch eine Weile so bleiben. Die Dominanz vergangener Jahrzehnte ist vorbei, linke Mehrheiten gibt es nur noch mit starken Grünen. Auch wegen dem fehlenden „Rückenwind“ durch die Bundespartei (bzw. vielleicht auch Gegenwind) finde ich das Ergebnis in Niedersachsen sehr gut. Wenn im September ein solches Resultat  erreicht wird (die bundesweite Zahl natürlich entsprechend den Gegebenheiten in den anderen Bundesländern), muss man zufrieden sein.
Mobilisieren: Offensichtlich hat die SPD Niedersachsen und ihr Spitzenkandidat es erreicht, ihre eigenen Mitglieder für den Wahlkampf zu mobilisieren und Nichtwähler zu gewinnen. Davon könnte die Bundespartei viel lernen. Noch ist nicht wirklich absehbar, wie diese beiden für ein gutes Wahlresultat entscheidenden Ziele erreicht werden können.
Die Grünen: Der Höhenflug der Grünen hält an, und mit jeder Wahl steigt das grüne Selbstbewusstsein. Das macht den Umgang mit ihnen, vom einzelnen Wahlkreis bis zu Sigmar Gabriel, nicht einfacher. Es braucht eine neue Strategie wie die SPD mit den Grünen umgehen kann, denn Juniorpartner sind sie definitiv nicht mehr.
Die Nerven: Es bleibt auch auf Bundesebene spannend bis zum letzten Moment, so wie es gestern war. Wie die SPD mit der wachsenden Nervosität umgehen kann, gerade in Bezug auf den Spitzenkandidaten, wird entscheidend sein.

Der SPD-Bundestagsabgeordnete aus „meinem“ Bezirk Berlin-Pankow, Wolfgang Thierse, hat sich neulich wieder einmal über die Schwaben in seiner Umgebung, am Kollwitzplatz im schönen Berlin Prenzlauer Berg, aufgeregt. Weil sie „Wecken“ statt „Schrippen“ sagen, und weil auch wegen ihnen 90% der Bevölkerung* in diesem Stadtteil nach 1990 weggezogen sind. Abgesehen dass solch tumbes Geplapper eines SPD-MdB unwürdig ist und er auch selber auch nicht unbedingt lärmtoleranter ist als die gescholtenen Schwaben, geht es eigentlich um wichtige Themen: Um die Aufwertung von Stadtteilen („Gentrifizierung“), die dazu führt dass viele sich die Miete nicht mehr leisten können, damit Verdrängung aus der Heimat; Verlust von Identität und Lebensqualität; weniger soziale Durchmischung. Darüber muss sich gerade die Sozialdemokratie ernsthaft Gedanken machen, statt sich im Klein-Klein um Schrippen und Kehrwochen zu verlieren. Der Trend, dass seit den 1990ern die Städte als Lebensraum wieder attraktiver werden, ist mittlerweile unübersehbar (einfach mal „Reurbanisierung“ googlen). Es ist Zeit, den sozialen Folgen dieses Trends zu begegnen**.

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