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Schrippen, Zwetschgendatschi, und Gentrifizierung

9. Januar 2013

Der SPD-Bundestagsabgeordnete aus „meinem“ Bezirk Berlin-Pankow, Wolfgang Thierse, hat sich neulich wieder einmal über die Schwaben in seiner Umgebung, am Kollwitzplatz im schönen Berlin Prenzlauer Berg, aufgeregt. Weil sie „Wecken“ statt „Schrippen“ sagen, und weil auch wegen ihnen 90% der Bevölkerung* in diesem Stadtteil nach 1990 weggezogen sind. Abgesehen dass solch tumbes Geplapper eines SPD-MdB unwürdig ist und er auch selber auch nicht unbedingt lärmtoleranter ist als die gescholtenen Schwaben, geht es eigentlich um wichtige Themen: Um die Aufwertung von Stadtteilen („Gentrifizierung“), die dazu führt dass viele sich die Miete nicht mehr leisten können, damit Verdrängung aus der Heimat; Verlust von Identität und Lebensqualität; weniger soziale Durchmischung. Darüber muss sich gerade die Sozialdemokratie ernsthaft Gedanken machen, statt sich im Klein-Klein um Schrippen und Kehrwochen zu verlieren. Der Trend, dass seit den 1990ern die Städte als Lebensraum wieder attraktiver werden, ist mittlerweile unübersehbar (einfach mal „Reurbanisierung“ googlen). Es ist Zeit, den sozialen Folgen dieses Trends zu begegnen**.

Soziale und ökonomische Aspekte der Gentrifizierung

Die Ursache ist einfach: Die Mieten steigen an einem bestimmten Ort schneller als die Löhne, daher können sich Leute mit wenig Geld den Umzug dahin nicht mehr leisten oder müssen sogar wegziehen. Das führt zu sozialer Entmischung und dazu, dass Arme bei etwas so Wesentlichem wie dem Wohnort in ihrer Wahl eingeschränkt werden. Im Extremfall sind eigentliche „Armenghettos“ möglich mit mehr oder weniger kompletten Ausschluss aus der Gesellschaft wie beispielsweise einige Banlieus  in Paris. Daneben steigen auch für diejenigen, die es sich leisten können, der Anteil der Miete am eigenen Lohneinkommen. Der Druck, mehr für Geld zu arbeiten, steigt, auch wenn es beispielsweise wegen Kindern nur schwer möglich ist. Die Kaufkraft sinkt, das Geld fließt statt in den volkswirtschaftlich wichtigen Konsum in die Taschen der Grundbesitzer. Schnell steigende Mieten führen zu mehr Umverteilung von unten nach oben, und zu mehr Vermögensakkumulation auf Kosten tieferer Binnennachfrage.

Ist das dramatisch? Nicht unbedingt, eine gewisse Ungleichheit erträgt die Gesellschaft, und zu sagen dass man nur in Berlin Mitte glücklich werden kann ist Blödsinn. Trotzdem muss eine vorausschauende, auf Gerechtigkeit und sozialen Ausgleich bedachte Politik Mittel haben, den Wohnungsmarkt in die Schranken zu weisen, und bei den schnellen Entwicklungen wie in gewissen Stadtteilen wie eben im Prenzlauer Berg eingreifen. Die SPD hat dazu schon genug Papiere und Positionen, auch auf Landesebene. Thierse hätte hier aus dem Vollen Schöpfen können, und vielleicht auch noch ein Wort verlieren können, dass sich der Berliner Senat sehr lange Zeit ließ, um von seiner rein renditeorientierten Liegenschaftspolitik ein wenig wegzukommen.

Daneben, und das geht leider oft vergessen, braucht eine wachsende Stadt eine Stadtentwicklung, die für mehr Attraktivität in der Breite sorgt. Mit einer multizentrischen Stadt und ähnlichen Strategien muss verhindert werden, dass nur wenige Orte in einer großen Stadt als „lebenswert“ erscheinen, und der Rest abgelegene Randgebiete, in denen nur wohnt wer es sich sonstwo nicht leisten kann.

So lange es um Mietsteigerungen oder Liegenschaften geht, gibt es einige Ansatzpunkte, an denen linke Politik ansetzen kann. Schwieriger wenn es um  „Schrippen oder Wecken“ geht:

Identität und Heimat

Wo ich wohne, da ist meine Heimat, da reden sie so wie ich und essen das gleiche, daraus beziehe ich meine Identität. Bei Wolfgang Thierse sind das seine Schrippen und sein Pflaumenkuchen an seinem geliebten Kollwitzplatz. Wenn dann die Schwaben kommen, geht es ihm aber nur am Rande um teurere Mieten. Sondern vielmehr um den Verlust einer angesammten Heimat, die sich durch Zuzüger rapide ändert und aus dem Prenzlauer Berg eine andere Welt macht, völlig anders also noch 1990 oder auch anders also noch im Jahr 2000. Gleich geht es übrigens einigen Schweizerinnen und Schweizern, da nun viele Menschen aus Deutschland einwandern:  „Wenn es aber nur noch deutsche Kellnerinen hat, deutsche Ärzte, ich in den Schweizer Bergen nur noch von Deutschen bedient werde, fühle ich mich nicht mehr daheim.“

Gibt es einen Anspruch, dass „alles so bleibt wie es ist“? Dass die, die schon länger ansässig sind, den neu zugezogenen sagen können wie es zu sein hat? Eine Art Leitkultur im Kleinen? Kann man von mehr oder weniger wohlhabenden Personen verlangen, nicht in einen schönen Stadttteil zu ziehen, weil sie vielleicht jemandem mit weniger Geld die Wohnung wegnehmen?

Glücklicherweise gibt es hierzulande weder Beschränkungen, wer wohin ziehen kann, noch eine Pflicht zur Assimilation. Ebensowenig kann man von Menschen verlangen, ihre Umzugspläne stadtplanerischen und sozialen Bedürfnissen anzupassen. Hingegen kann und muss man von allen, Zugezogenen wie Ureinwohnerinnen und Ureinwohnern, Rücksicht und Toleranz verlangen. Gleich mal die Clubs oder Randständigen in der neuen Nachbarschaft zu vertreiben versuchen ist genauso unangebracht wie jemandem den Latte Macchiato zum Zwetschgendatschi zu vermiesen. Aber, so einfach solche Appelle in der Theorie klingen, in der Praxis kann niemand ein gutes Zusammenleben verschiedener sozialer Schichten werden, auf dass alle eine Heimat finden.

Gute Politik für eine soziale Stadt muss eine Menge „weicher“ Faktoren berücksichtigen. Wer Verdrängung verhindern will, darf sich nicht mit dem Drehen an einigen Gesetzesschrauben begnügen. Maßnahmen der Wohnbaupolitik bis hin zu „Luxusverboten“ sind gut und recht, aber es braucht mehr: Bürgerbeteiligungen, Förderung von allerlei Stadtteilinitiativen, permanenter Kontakt zum Gewerbe und Unternehmen, Förderung gemeinnütziger Initiativen wie Bibliotheken oder Kultureinrichtungen, Vermittlung bei Nachbarschaftskonflikten… Für eine lebenswerte Stadt ohne Verdrängungstendenzen hat der Staat eine wichtige Funktion, vor allem braucht es aber eine starke und solidarische Gesellschaft. Linke Politik muss sich daher nicht nur mit Gesetzen herumschlagen, sondern darüberhinaus Wege und Mittel finden, die Herausbildung einer solchen Gesellschaft zu unterstützen.

*Vielleicht kann das mal jemand bestätigen? (In der Zeit stand übrigens was von 80%, „gemäß Schätzungen“) Und eine solche Zahl ins Verhältnis stellen wie die Fluktuation denn in ähnlichen Stadtteilen in Berlin oder sonstwo sind?

**Der Prenzlauer Berg ist übrigens wohl nicht das beste Anschauungsbeispiel – innert weniger Jahren von einem armen Bezirk der „Andersdenkenden, Ausreisewilligen und Alkoholikern“ zu einem Innenstadtteil einer europäischen Metropole zu werden, ist eine historische einmalige Situation.

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2 Responses to “Schrippen, Zwetschgendatschi, und Gentrifizierung”


  1. Es ist ja ein altbekanntes Muster, sich die hilflosesten als Schuldige auszusuchen.
    Man will also Zuzug, weil man Wachstum will, was auch heisst, die Zuzüger müssen irgendwo wohnen. Und hoffentlich werden sie nicht in Ghettos gezwungen, das käme ja auch nicht gut.
    Aber statt politisch auf jene zu zielen, die das ganze verursachen, also Unternehmen, die zwar Arbeitskräfte wollen, sich aber sonst um nichts kümmern einerseits und andererseits die Immo-Spekulanten, die eben rausholen, was sie können, sind also jene schuld, die auch nur irgendwo wohnen müssen…


  2. […] Tor. Und damit verschlechtert sich die Durchmischung in den Berliner Stadtteilen (siehe dazu auch Schrippen, Zwetschendatschi und Gentrifzierung). So seltsam es auch klingt, Clubs brauchen einen gewissen „Bestandesschutz“. Einen Schritt […]


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