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Das Vermögen der Deutschen

15. April 2013

Es steht schlecht um die Deutschen und ihr Geld. „Arme Deutsche, reiche Zyprer“ titelt die FAZ anlässlich der europäischen Vermögensstudie der europäischen Zentralbank EZB. Und was vom dem Deutschenden gehörenden, bescheidenen Häufchen der Griechen an und für sich nicht verprasst, holt sich der „gierige Staat“ mittels „finanzieller Repression“. Der populistische Alarmismus der FAZ-Wirtschaftsredaktion* und ähnlicher Demagogen wurde z.B. im Herdentrieb-Blog oder bei der wunderbaren Welt der Wirtschaft sauber demontiert. Darüber hinaus geht es mir darum, die politische Denkweise und Argumentation hinter dem Gerede von der finanziellen Repression und den armen Deutschen anzusprechen. Ausgangspunkt soll die Höhe der Rentenanwartschaften sein, also die Bewertung der Renten, die in Zukunft fließen werden, als heutiges Vermögen. Dieses „Vermögen“ hat das DIW mit 67000 Euro pro Person berechnet, ungefähr die selbe Menge Geld die die EZB-Studie als mittleres Haushaltsvermögen in Deutschland angibt**.

Neben Rentenanwartschaften gibt es viele ähnliche, nicht so einfach fassbare Formen von Vermögen, die für die meisten Menschen viel größer sind als ihr unmittelbarer, geldwerte Besitz wie Sparkonten oder auch Immobilien oder Aktien. Neben den verschiedenen Sozialversicherungen gehört dazu die staatliche Infrastruktur, die ohne oder mit nicht kostendeckenden Gebühren genutzt werden können. Während in anderen Ländern wegen hoher Schul- und Studiengebühren junge Leute mit Zehntausenden von Euro Schulden aus dem Bildungssystem rauskommen oder diese Beträge für die Ausbildung ihrer Kinder bereithalten müssen, ist Bildung in Deutschland quasi kostenfrei. Oder wieviel ist die Sicherheit wert, auch bei schweren Unfällen oder Krankheiten sich auf ein funktionierendes, solidarisch finanziertes Gesundheitssystem zurückgreifen zu können? Was nützt den Menschen in den Krisenländern ein auf dem Papier vielleicht höheres Vermögen, wenn die Krankenhäuser kollabieren?

Alle diese „Vermögenswerte“ entziehen sich aber unserem direkten Zugriff. Sie existieren nur, wenn das Vertrauen der Menschen in eine solidarische Gesellschaft, in ein soziales Sicherungsnetz intakt ist. Wenn man sich darauf verlassen kann, dass die Rente tatsächlich sicher ist, oder dass man bei Krankheit oder Invalidität nicht zum Bettler wird. Wir haben Jahrzehnte von Angriffen neoliberaler Politik auf dieses Vertrauen des Einzelnen in die Solidität der Gesellschaft (leider teilweise auch unter Mithilfe sozialdemokratischer Politiker wie Schröder, Blair und Konsorten) und damit auf seinen bzw. ihren Anteil an dem gesellschaftlichen Vermögen hinter uns. Nun übernehmen mehr und mehr Angstschleudern wie die FAZ-Wirtschaftsredaktion oder einschlägige websites wie mmnews.de mit Kampfbegriffen wie eben der „finanziellen Repression“, was bspw. mit „Maßnahmen des Staates, die Sparsummen und Vermögen seiner Bürger für seine Ziele umzuleiten“ erklärt wird  (zu diesen „Maßnahmen“ gehört beispielsweise die Niedrigzinspolitik oder der Kauf von Staatsanleihen durch die EZB).

Ist damit der (materielle) Reichtum der Bewohnerinnen und Bewohner Deutschlands gefährdet? Nein – denn wenn das Vermögen der großen Mehrheit der Menschen in Deutschland aber wie oben erwähnt nur zu einem kleinen Teil aus Geld in Privatbesitz besteht, dann ist die Stabilität und Solidarität des Staates, der Wirtschaft und der Gesellschaft für den Einzelnen viel wichtiger, als einige 100 oder 1000 Euro mehr Zinsen***. Was unser Vermögen, unser Reichtum bedroht ist  nicht die „finanziellen Repression“ oder der reiche Zyprer. Sondern diejenigen, die mit ihrer Politik und ihrem Alarmismus immer mehr die Solidarität der Gesellschaft und die Solidität der Staaten untergraben.

–––

* Eine Ökonomin lobte mir gegenüber einmal den Finanzen/Märkte-Teil der FAZ, da sich die Journalistinnen und Journalisten dort im Gegensatz zu ihren KollegInnen in der Wirtschaftsredaktion  mit wirtschaftlichen Realitäten auseinandersetzen müssten, und sich nicht in ökonomischen Märchen und Hirngespinsten verlieren könnten.

** Wie üblich in diesem Thema habe auch ich hier Äpfel mit Birnen verglichen, nämlich einen mittleren Wert (Median) bei den Haushaltsvermögen mit einem Durchschnittswert von der DIW. Es geht mir hier aber um eine grundsätzlichere Frage was als „Vermögen“ bezeichnet werden kann, zudem sind Durchschnitt und Median bei den Rentenanwartschaften wohl nicht so unterschiedlich wie bei Haushaltsvermögen.

*** Dazu kommt, dass die Pro-Kopf-Verschuldung in Deutschland fast 25000 Euro beträgt  – im schönen Berlin 33000 Euro –, und tiefe Zinsen mehr finanzielle Möglichkeiten für den Staat und damit für alle bedeuten.

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