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Vor 60 Jahren wurde die dreidimensionale Struktur der DNA (auch bekannt als Erbgut, Genom oder „Buch des Lebens“) entschlüsselt. Aus diesem Anlass veranstaltet das Max-Delbrück-Centrum (wo ich arbeite) mit dem Berliner Naturkundemuseum Mitte September einen wissenschaftlichen Kongress. Eingeladen sind aber nicht nur Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, im Gegenteil, der Kongress richtet sich an alle Interessierten, egal mit welchem Berufs- und Bildungshintergrund. Der Kongress ist  eine hervorragende Gelegenheit, mehr über unser Erbgut zu lernen, zu diskutieren, und den neusten Stand der Forschung zu sehen. Anmelden kann man sich bis 31. August auf: http://www.naturkundemuseum-berlin.de/besucherinfos/kongress-60-jahre-dna/

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Über das Wir

3. August 2013

„Das Wir entscheidet“ ist der Wahlkampfslogan der SPD, und er kommt nicht gut an. Lustigere Verballhornungen („Das Bier entscheidet“) sind das eine, die übliche Reaktion ist politischer Sarkasmus à la „Das Wir entscheidet, das Du bezahlt“ und generelles Unverständnis über die Vorstellung, dass so etwas wie eine Gesellschaft oder gar, hui!, „der Staat“ etwas Gutes sein könnte. Diese eigentliche Staats- und Gesellschaftsfeindlichkeit ist nach 30 Jahren Neoliberalismus mittlerweile so Mainstream geworden, dass ein Wirtschaftsphilosoph in der „Welt“ völlig undurchdacht und vorurteilsbeladen gegen „die Gleichheit“ vom Leder ziehen kann. Neben der üblichen Politikfeindlichkeit wie „[Die Parteprogramme] schreiben junge Ideologen ohne Lebenserfahrung“ oder „[Die Bemühung der politischen Parteien,] möglichst viele soziale oder ökonomische Probleme, Notstände, Ungerechtigkeiten, Benachteiligungen und Opfergruppen jeder Art aufzuspüren“, ist da zu lesen:

„Ungleich ist offenbar immer „ungerecht“. Alle Menschen sollen unabhängig von ihrer konkreten kulturellen Geprägtheit, ihrer gegebenen oder erworbenen Persönlichkeitsstruktur „gleich anerkannt“ werden, der sozial abgestürzte Obdachlose oder Erfolglose gleich dem erfolgreichsten Unternehmer oder Künstler: „gleiche Anerkennung, gleiche Sicherheit, gleiche Chancen“, wie es im Wahlprogramm der „Grünen“ heißt.“

Mit Verlaub: Das ist schlicht eine traditionelle, höchst konservative Weltanschauung. Der Autor zitiert ironischerweise für seine Positionen einen der Väter des Konservativismus, den Engländer Edmund Burke (1729-1797) – der 1790 eigentlich schon eine Kurzfassung heutiger SPD-Positionen geliefert hat:

„Wenn die zivile Gesellschaft für den Vorteil der Menschen gemacht ist, hat der Mensch ein Anrecht auf alle diese Vorteile. Die Gesellschaft ist eine wohltätige Institution, das Gesetz ist nur wohltätig, wenn es nach Regeln handelt. Menschen haben ein Recht, nach diesen Regeln zu leben; sie haben ein Recht auf Gerechtigkeit (…). Sie haben ein Recht auf die Früchte ihrer Arbeit (…). Was immer ein Menschen tun kann, wenn er keine anderen Menschen beeinträchtigt, so ist es sein Recht es zu tun. Und der Mensch hat ein Recht auf einen gerechten Anteil auf alles, was die Gesellschaft, mit ihren Fähigkeiten und ihrer Macht, für ihn bereitstellt.“ *

Das zeigt: Die, die sich heute konservativ nennen, sind es nicht. Ihre Ideologie ist die des Neoliberalismus, der mit Thatcher glaubt es gäbe „no such thing as society“, des Alle-gegen-Alle, der Staat, Gesellschaft, und vor allem auch die Politik möglichst zurückdrängen will, auf dass das Recht des Stärkeren gewinnt. Was die SPD und ihr Slogan „Das Wir entscheidet“ dem gegenüberstellen will, ist natürlich nicht der Konservativismus alter Schule. Aber eine Rückkehr zur konservativen Idee, dass das Individuum Teil der Gesellschaft ist, seinen Beitrag an das Wohlergehen der Gesellschaft zu leisten hat, und dafür auch Unterstützung von der Gesellschaft erhält.

Vielleicht müssen wir einfach etwas altmodischer werden?

* Quelle: Edmund Burke, „Reflections on the Revolution in France, And on the Proceedings in Certain Societies in London Relative to that Event.“, http://books.google.de/books?id=TtUuAAAAMAAJ (Seite 87)