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Affen, Spielzeuge, Sex & Gender

5. Januar 2015

Kürzlich, beim Spielen mit den kleinen Jungs eines Freundes (mit Bagger und Lastwagen, natürlich) erwähnte der junge Vater eine Studie, die zeigt dass Rhesusaffen abhängig vom Geschlecht lieber Spielzeuge aus Plüsch oder solche mit Rädern (eben, Bagger und Lastwagen) in die Hand nehmen. Männliche Affen bevorzugten demnach letzteres deutlich. Ungefähr gleichzeitig postete jemand auf Facebook ein Interview mit einer Professorin für Geschlechterforschung. Sie äußert Kritik an eben solchen Studien, die einen biologischen Einfluss auf geschlechterspezifisches Verhalten zeigen – „Da müsste man genau schauen, wer diese Studie wie gemacht hat.“ Und, wie leider sehr häufig, wenn jemand aus der Genderforschung in den Medien kommt, gab es eine ganze Menge schrecklicher Kommentare. Unter anderem postete „L Trachsel“, dass naturwissenschaftliche Studien eben viel genauer seien (bzw. weniger Variabilität aufweisen) als soziologische. Nun denn, alles Gründe die Studie mit den Rhesusaffen genauer zu untersuchen – vor allem da solche Ergebnisse sehr oft in die Medien kommen (bspw. SPON oder taz) oder auch mal als Waffe verwendet werden dass Gender-Mainstreaming des Teufels sei.

Die Art und Weise wie die Affen genau untersucht wurden und die Daten aufgenommen wurden kann ich natürlich nicht beurteilen. Ich konzentriere mich daher auf die Messwerte an sich und ihre statistische Beurteilung. Die Seitenzahlen beziehen sich auf dieses Dokument: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2583786/pdf/nihms64461.pdf

  • Auffällig ist, und dies erschwert eine tiefergehende Beurteilung, ist dass die einzelnen Messwerte (wie oft die einzelnen Affen die verschiedenen Gegenstände in die Hand genommen haben) fehlen. Es werden nur die Mittelwerte und Standardabweichungen angegeben (Tabelle 3, Seite 15). Wegen der Eigenschaften der Messwerte (dazu später) ist dies meines Erachtens ein gravierendes Versäumnis und spricht gegen die Verlässlichkeit der Studie.
  • Es sind sehr wenige Affen (11 Männchen bzw. 23 Weibchen). Entsprechend wenig zuverlässig sind die Messresultate, insbesondere weil die Variabilität der Messwerte sehr groß ist: die Standardabweichung beträgt zwischen 5 und 10, bei Messwerten von 2 bis 8. Es ist also nicht so wie der NZZ-Kommentierer meint, dass naturwissenschaftliche Studien genauer sind – was auch nicht verwunderlich ist, schließlich misst man wie oft Affen ihnen unbekannte Gegenstände anfassen.
  • Die Messresultate sind nicht „normalverteilt“, sondern „schief“: „An examination of the distribution of the behavioral variables using the Kolmogorov-Smirnov test revealed positive skew due to a majority of animals showing relatively low frequencies and durations of behaviors with a few individuals showing very high rates of interaction. Focusing analyses on total frequencies and total durations of interaction rather than on individual behaviors reduced but did not eliminate skew.“ – was die AutorInnen also sehen ist dass einige wenige Affen sehr häufig die Gegenstände berühren, während die meisten Affen die Gegenstände kaum berühren. Vor allem weil die Anzahl Affen sowieso schon sehr tief ist, bedeutet dies, dass ein zufälliges Zustandkommen der Resultate noch wahrscheinlicher ist: das Resultat wird wesentlich von der Untergruppe Affen bestimmt, die überhaupt nennenswert oft mit den Gegenständen interagieren.
  • Indirekte Effekte (bspw. besteht eine Konkurrenz um die Spielzeuge, da nur je eines für 135 Affen zur Verfügung steht).

Zusammengefasst ist für mich die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der hier publizierte Unterschied von männlichen Affen in Bezug auf Plüschspielzeug bzw. mit Rädern zufällig zu Stande gekommen ist. Insbesondere muss man sich auch bewusst sein, dass in der Wissenschaft fast überall nur positive Resultate veröffentlicht werden* – positiv im Sinne dass ein Unterschied messbar war. Wenn nun also 10 solcher Studien stattfinden, und 9 ergeben kein Unterschied, entsteht angesichts der Literatur aber doch den Eindruck dass ein Unterschied da ist, weil nur die eine Studie mit dem – u. U. zufälligen – positiven Resultat publiziert wurde. Eine weitere Betrachtung solcher Studien gibt es übrigens auch auf den ScienceBlogs.

Bedeutet dies nun dass es keine biologisch bedingten Unterschiede gibt im Verhalten der Geschlechter? Natürlich nicht – die unterschiedliche biologische Entwicklung kann sich durchaus im Nervensystem und damit im Verhalten und Denken niederschlagen (siehe bspw. hierhier oder hier für Übersichtsartikel). Aus Studien wie der hier untersuchten lässt sich aber wohl kaum eine Aussage treffen, welcher Art und wie wichtig die Unterschiede zwischen biologischen Geschlechtern sind.

 

*Ich hätte übrigens auch noch eine Menge negativer Resultate auf Halde…

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One Response to “Affen, Spielzeuge, Sex & Gender”


  1. Eine interessante Studie zum Spielverhalten und dem Einfluss der Biologie ist die hier besprochene:
    https://allesevolution.wordpress.com/2012/12/20/hormone-und-spielverhalten/

    Da CAH-Mädchen optisch Mädchen sind, aber eben mehr pränatales Testosteron abbekommen haben, sind sie sehr interessant für die Forschung für Geschlechterunterschiede.

    Und tatsächlich zeigen sie dann – obwohl eine sozialisation als Mädchen zu erwarten ist – männlicheres Spielverhalten und spielen auch lieber mit Jungs als andere Mädchen.


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