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Der zweite Teil des vorläufigen Rückblicks (erster Teil siehe hier) – wo wurde besonders viel geforscht?

Verbreitung, Wetter, Superspreader

Zu Beginn der Pandemie standen Ansteckungen durch Kontakt- und Schmierinfektionen im Zentrum (wir erinnern uns ans Händewaschen!), mit der Zeit wurden mehr und mehr Tröpfchen- und Aerosolinfektionen als wichtigster Übertragungsweg erkannt. Zahlreiche Berichte von Massenansteckungen in Großraumbüros, Clubs, Kirchen usw. trugen dazu bei, dass zur Zeit Anlässe mit vielen Menschen, die über längere Zeit in geschlossenen Räumen zusammen sind, als Haupttreiber der Pandemie gelten. Im Rückblick wäre daher das schnelle Verbot von Großveranstaltungen Anfang März die entscheidende Maßnahme gewesen, warum bspw. in Deutschland oder der Schweiz die Epidemie relativ glimpflich verlief. Das ist auch in Einklang mit der Hypothese von „superspreading“ als Hauptübertragung, also dass an wenigen Orten eine Person viele andere ansteckt, und nicht an vielen Orten eine Person wenige andere. Ob das neue Coronavirus wie grundsätzlich alle Atemwegsviren vor allem ein Winterhalbjahrvirus ist, ist natürlich noch nicht klar. Die zur Zeit vielerorts niedrige Fallzahl spricht aber zumindest nicht dagegen.

Insgesamt zeigen aber bspw. die auf eher hohem Niveau stagnierenden Neuansteckungen in Schweden oder den USA, und natürlich die „zweite Welle“ im Iran oder die massiv zunehmenden Fälle in Mexiko, Brasilien, Russland und Indien, dass es wohl die starken Anstrengungen gebraucht hat und auch weiterhin braucht, um das Virus zu bremsen.

Weiterhin eifrig diskutiert wird die Bedeutung asymptomatischer oder prä-symptomatischer Übertragungen – also wie wahrscheinlich es ist, dass jemand das Virus überträgt, ohne sich irgendwie auch nur wenig krank zu fühlen.

Immunität

In kaum einem anderen Thema konnte die Forschung auf so viel Wissen und jahrzehnte langen Bemühungen aufbauen. Wichtige Fragen sind bspw.:
– wie ist es mit der „Hintergrundimmunität“ durch kürzlich Ansteckung mit den vier zirkulierenden Coronaviren? (kann ein Faktor sein und Infektionen zumindest abschwächen, aber die Bedeutung für die Pandemie insgesamt noch unklar)
– ist man nach überstander Infektion immun, und wie lange? (ja; wie bei anderen Coronaviren ist es gut möglich dass die Immunität sich nach einigen Monaten  zurückbildet, aber eine Neuinfektion zumindest abschwächt?)
– ist die Immunität zwischen Individuen unterschiedlich, und können überhaupt alle geimpft werden? (noch eher unklar)
– gegen welche Virusbestandteile sind die Antikörper gerichtet? (wurde schon relativ gut eingegrenzt auf einen Teil des Spike-Oberflächenproteins, was wichtig ist für die Impfstoffentwicklung)

Impfstoffe

Ein wirksamer und in Milliardenausführung verfügbarer (und verteilbarer!) Impfstoff könnte dem Virus tatsächlich weitgehend den Garaus machen. Erste Resultate sind ermutigend, und mit mehr als hundert parallel laufenden Projekten steigt natürlich die Wahrscheinlichkeit, das etwas funktioniert. Die Aufgabe ist aber derart gigantisch, dass der Optimismus noch vorsichtig bleiben sollte.

Medikamente

Grundsätzlich wurden bisher noch kaum wirksamen Medikamente gegen akute Virusinfektionen entwickelt, abgesehen von Ansätzen bei Grippe (Tamiflu) und Ebola (therapeutische Antikörper). Erfolgsgeschichten bei antiviralen Medikamenten richten sich gegen chronische Infektionen, vor allem bei HIV (AIDS-Virus) und dem Hepatitis-Virus HCV – bei beiden gibt es nach Jahrzehnten der Forschung etablierte Behandlungen. Andererseits werden auch in diesem Thema zu Zeit Forschungs- und Testprogramme aufgezogen, die absolut neu sind. Wie bei den Antikörpertests geht es auch wegen zahlreichen minderwertigen und sehr umstrittenen Studien nur langsam vorwärts. Auch hier gilt aber: wenn so viel parallel versucht wird, steigt die Wahrscheinlichkeit, das tatsächlich sinnvolle Therapien (eventuell aus einer Kombination verschiedener Medikamente) insbesondere für schwere Krankheitsverläufe etabliert werden können.

Kinder

Ob Kinder mehr oder weniger ansteckend sind als Erwachsene, oder sich schneller oder weniger schnell ansteckend ist so wichtig wie umstritten und unklar. Der Grund ist relativ einfach: Schulen und Kindergärten schlossen sehr früh, und aus Ländern, in denen sie offen blieben (bspw. Schweden) oder früh öffneten, sind noch keine Studien verfügbar. Die Erkenntnisse über die Rolle von Kindern in der Pandemie sind daher alle relativ indirekt, und lassen nur zu einem gewissen Maß Schlüsse darüber zu, was bei Öffnungen von Schulen und Kitas geschehen wird.

Die ersten Bilder von Coronaviren, aus den 1960ern (aus: Almeida and Tyrell, The Morphology of Three Previously Uncharacterized Human Respiratory Viruses that Grow in Organ Culture, Journal of General Virology (1967)

Vor zwanzig Wochen, am 22. Januar, schrieb ich das erste CoronaInfo – vor zwei Tagen, am 9. Juni, das Hundertste. Zeit für einen vorläufigen Rückblick! 1. Teil – welche Themen kamen immer vor?

Wo kommt das Virus her?

Dass das Virus in einer ursprünglichen Form aus Fledermäusen kommt, ist nach wie vor die wahrscheinlichste Variante. Ob es einen „Zwischenwirt“ gab, also eine Tierart via der das Virus zum Menschen, ist nach wie vor unklar. Eine langsame „Optimierung“ in Menschen, d.h. gelegentliche Übertragungen und Veränderungen im Virus-Erbgut, bis es perfekt auf den Menschen angepasst war, erscheint gut denkbar. Das würde auch erklären, warum die Zwischenstufen zwischen dem Fledermaus-Coronavirus und SARS-CoV-2 kaum gefunden wurden: weil sich nur die optimierte Variante im Menschen durchgesetzt hat.

Und ja, es ist grundsätzlich unmöglich, hunderprozentig zu widerlegen dass das Virus im Labor gemacht wurde, oder aus einem Labor entwichen ist. Letztes geschah mit dem ersten SARS-Virus auch, im Jahr 2004, was zu massiv gestiegenen Sicherheitsvorkehrungen führte. Beides erscheint mir aber nach wie vor sehr unwahrscheinlich – man darf nicht unterschätzen wie gigantisch die „Virenküche“ der Natur ist, wieviele Viren da ständig neu entstehen, und durch Selektion auch gleich auf effiziente Verbreitung getrimmt werden.

Insgesamt ist, meines Erachtens nichts herausgekommen, dass den Jahrzehnten Forschung zu Coronaviren und Fledermäusen widersprechen würde, nämlich dass Coronaviren hauptsächlich in Fledermäusen entstehen, und der immer wieder befürchtete Sprung auf den Menschen stattfinden kann und wird.

Wie wird auf das Virus getestet?

Der PCR-Test auf das neue Virus war schon im Januar verfügbar. Dieser Test misst ob eine Person akut infiziert ist. Ab Februar war dann die Testkapazität zentrales Thema, weil zahlreiche und schnelle Tests helfen, die Pandemie in den Griff zu kriegen. Wichtig: die Probenlogistik ist eigentlich das größere Problem als bspw. die Maschinenkapazität. Mit immer mehr Übung, weltweit gestiegenen Produktionskapazitäten und technischen Verbesserungen konnte die Testung mit der Ausbreitung des Virus mithalten (wobei die Frage ist, ob das in den zur Zeit stark betroffenen Ländern wie Brasilien, Mexiko oder Russland auch der Fall ist). Als Vorbereitung für eventuell steigende Fallzahlen sind solide Test-Abläufe zentral – technisch scheint man da nun gerüstet zu sein.

Der zweite Test ist der Antikörper-Test, der auf Grund von Antikörpern im Blut eine Aussage darüber erlaubt, ob jemand eventuell mit dem Virus in Berührung gekommen ist. Da haben sich eine Reihe von Fragen aufgetan. Biologische, wie bspw. welchen Einfluss Infektionen mit den vier endemischen Coronaviren haben, oder ob überhaupt alle Infizierten Antikörper haben. Technische, also wie zuverlässig die Tests überhaupt sind. Sehr viele Studien aus allen Erdteilen sind erschienen, die einer zentralen Frage auf den Grund gehen wollten: wieviel mehr Menschen haben sich angesteckt als die auf dem PCR-Test basierten Statistiken zeigen? Die allermeisten Studien sind zwar schnell, aber mit zuwenig Getesteten und/oder technisch unsauber durchgeführt worden. Entsprechend gibt es eine breite und umstrittene Spannbreite von Resultaten von wenigen bis zu vierzig Prozent.

Verändert sich das Virus?

Coronaviren verändern sich deutlich langsamer als bspw. Grippeviren. Es wurden schon Virusvarianten festgestellt, die sich mehr auszubreiten scheinen als andere. Das heißt aber noch nicht, dass das Virus gefährlicher wird. Solche Hinweise gibt es (noch) nicht, das Thema Virusvarianten wird aber noch intensiv beforscht werden.

Symptome und Krankheitsverlauf

Die wesentlichsten Punkte waren eigentlich schon früh geklärt, insbesondere dank systematischen Untersuchungen in China im Januar/Februar: ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen sind mehr gefährdet. Dazu gehören insbesondere Herz-Kreislauf-Probleme wie hoher Blutdruck. Auch waren Husten und Fieber als (wenn auch nicht sehr spezifische) Leitsymptome bald etabliert, dazu Müdigkeit, Gliederschmerzen, und (kurzzeitiger) Verlust des Geruchssinns. Große Frage sind zur Zeit, wie es zu den schweren, lebensgefährlichen Verläufen von COVID-19 kommt (die vor alle dem überschießenden Immunsystem zurechnen sind), und wie Schäden an Organen des Atemwegstrakt (v.a. Herz und Niere) zu Stande kommen.

Wie das Virus zu uns ins Labor kam: die ersten Proben mit infizierten Zellen Anfang März.