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The good, the bad, the ugly: wie ich Texte und Studien über das Coronavirus lese und beurteile

2021

Die Zahl der wissenschaftlichen Studien und anderer Texte über das Coronavirus SARS-CoV-2 ist nicht mehr zu fassen. In meinem Beruf als Wissenschaftler in der Coronaforschung komme ich nicht drum herum, mich damit zu beschäftigen. Regelmäßig werde ich gefragt, wie ich denn all diese Artikel beurteile: ist das gelesene überhaupt sinnvoll? direkt von Bedeutung für die eigenen Projekte? eine anregende Idee? oder ein wichtiger Hinweis auf weitere Studien?

Hier drei konkrete Beispiele: Das erste zu zwei Studien mit gegensätzlichen Schlussfolgerungen (the good), das zweite zu einem „offenen Brief“ mit viel Unsinn (the bad), und das dritte zu einer mangelhaften Untersuchung zu Long Covid (the ugly).

The good: wie sehr schützen vorangegangene Infektionen mit Erkältungs-Coronaviren gegen SARS-CoV-2?

Schon seit Beginn der Pandemie wird diese Frage intensiv diskutiert – und abschließend geklärt ist sie immer noch nicht. Im Dezember („Preexisting and de novo humoral immunity to SARS-CoV-2 in humans“) und im Februar („Seasonal human coronavirus antibodies are boosted upon SARS-CoV-2 infection but not associated with protection“) erschienen in Top-Fachjournalen, von renommierten Forschungsgruppen, zwei Studien mit mehr oder weniger entgegensetzten Antworten. Was stimmt nun eher? In der späteren Studie wird übrigens korrekt auf die vorangegangene verwiesen, und erörtert, warum sich die Ergebnisse widersprechen könnten. Zwei wichtige Stärken sind der Februar Studie sind, dass tatsächlich Blutproben von vor der Pandemie (die ohne weiteres eingefroren verwendet werden können) verwendet wurden, und eine deutlich höhere Anzahl. Das heißt also: die Basis, auf der die Schlussfolgerungen stehen, ist bei der Februar-Studie solider. Auch wenn das nicht bedeutet, dass die Studie vom Dezember falsch ist, ist die vom Februar wohl näher an der „Wahrheit“ – die Wissenschaft lernt ja auch immer dazu, und die Methoden werden verbessert und verfeinert. Schlussfolgerung: Dass Infektionen mit Erkältungs-Coronaviren vor SARS-CoV-2 schützen ist also möglich, aber eher selten, und für diese Pandemie wohl kaum relevant.

The bad: die Aulassungen von Geert Vanden Bossche

Mitte März gab es einen „offenen Brief“ des Arztes Geert Vanden Bossche, mit der Kernaussage dass die „Massenimpfungen in der Pandemie ein unbesiegbares Monster erschaffen“ (Berichte bspw. hier und hier, link zum Brief hier). Der erste Satz des Brief lautet: „Die Schlüsselfrage ist: warum scheint sich niemand um Immunresistenz des Virus zu kümmern“ („THE key queston is: why does nobody seem to bother about viral immune escape?“) – und dieser Satz ist einfach falsch. Veränderungen von Viren, um sich der Immunität (durch Impfung oder Infektion) zu entziehen, sind ein Standardthema der Virusforschung. Im Zusammenhang mit den beginnenden Impfungen gab es bspw. Anfang Januar 2021 bei der Frage, die zweite Impfung hinauszuzögern, eine intensive Diskussion dazu (siehe CoronaInfo vom 3. Januar 2021).
Danach geht Vanden Bossche auf die „angeborene Immunantwort“ („innate immunity“) ein, und schreibt dazu „unabhängig davon, ob [Antikörper] Teil der angeborenen Immunantwort sind (sogenannte ’natürliche Antikörper) oder in Antwort auf spezifische Pathogene enstehen (sogenannte ‚erworbene‘ Antikörper)“ („regardless of whether [the antibodies] are part of our innate immune system (so-called ‘natural’ Abs’) or elicited in response to specifc pathogens (resultng in so-called ‘acquired’ Abs)“). Das ist nicht komplett falsch, aber: Antikörper sind (wie bspw. T-Zellen) meistens nicht Teil der angeborenen Immunantwort, sondern wesentliche Säule der erworbenen Immunantwort (siehe Wikipedia: angeborene Immunantwort und erworbene Immunantwort). Mit Betonung auf meistens: es gibt Ausnahmen, die aber bei einer solchen Virusinfektion kaum relevant sind (und wenn, dann müsste diese Ausnahme belegt werden).
Diese zwei groben Fehler – Ignorieren der gegenwärtigen wissenschaftlichen Diskussion, und eine mangelhafte Interpretation der wissenschaftlichen Literatur – prägen diesen Text, entsprechend sind die Schlussfolgerungen weitgehend sinnlos.

The ugly: ein Beispiel für die mangelnde Aussagekraft vieler LongCovid-Studien

Am 22. März schrieb der Bundestagsabgeordnete und häufige Corona-Talkshowgast Karl Lauterbach auf Twitter: „Grosse internationale Studie UK/US hat 6 Monate #LongCovid untersucht. Bisher beste Langzeitstudie dazu.“. Dabei bezog er sich auf diese Untersuchung zu LongCovid, ein Sammelbegriff für Beschwerden wie chronische Müdigkeit, Kopf- und Gliederschmerzen oder Konzentrationsschwäche, die noch Monate nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 auftreten. Gute Studien dazu sind leider immer noch selten, vor allem die Auswahl der Teilnehmenden ist oft nicht repräsentativ.
Mit diesem Vorwissen ist schon der zweite Satz der Zusammenfassung („abstract“) ein Warnsignal: „Studiendesign: internationale web-basierte Umfrage von vermuteten und bestätigten COVID-19-Erkrankungen“ („International web-based survey of suspected and confirmed COVID-19“) – auf einer Website konnten alle, die Symptome einer Coronavirus-Infektion hatten, teilnehmen. Und zwar unabhängig davon, ob sie tatsächlich positiv getestet wurden. Damit gibt es schon zwei Aspekte, die die Auswahl der Teilnehmenden verzerren. Erstens sind Symptome einer SARS-CoV-2-Infektion Husten, Fieber, Kopfschmerzen usw. ähnlich wie bei anderen Infektionen. Und zweitens haben freiwillige Umfragen auf websites haben immer eine Schlagseite, was die Teilnehmenden angeht (wie mehr formale Bildung). Hier waren es zudem 79% Frauen, womit unklar ist: haben einfach mehr Frauen teilgenommen, oder ist LongCovid tatsächlich so viel häufiger bei Frauen?
Nächstes Warnsignal ist, dass genau zwei Symptome bei den 40% der Teilnehmenden, die auf SARS-CoV-2 positiv getestet wurden (PCR- oder Antikörpertest), häufiger waren als bei den negativ getesteten: Verlust von Geschmacks- und Geruchssinn, also genau die beiden Symptome, die noch relativ einzigartig sind für eine Infektion mit SARS-CoV-2. Das weckt natürlich den Verdacht, dass die anderen gar keine solche Infektion hatten, und die Beschwerden daher eine andere Ursache haben als LongCovid. Dass weniger als die Hälfte positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurde, wird am Ende der Studie zwar diskutiert, aber mit Hinweis auf Testungenauigkeiten sowie „die anderen machen es auch so“ verwedelt.
Das Problem hier ist also, dass auf Grund der Auswahl der Teilnehmenden durch die verwendete Methode, sowie durch Unklarheit mit den Testergebnissen, eigentlich keine Aussage über Häufigkeit und Symptome von LongCovid gemacht werden kann – auch wenn die Studie beim oberflächlichen Drüberschauen vielleicht gut wirkt. (Eine deutlich bessere Studie zu LongCovid ist übrigens die hier, die ich am Donnerstag 8.4. im CoronaInfo zusammenfasse)

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