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Die Anzahl der Ansteckungen mit SARS-CoV-2 ist nach wie vor (Stand Ende März) sehr hoch. Bei der seit Anfang Januar dominierenden Omikron-Variante schützt auch die dritte Impfung nur noch wenig vor einer Ansteckung – wenn auch immer noch sehr gut vor schwerer Krankheit. Da es immer weniger Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus gibt, sind die Fragen natürlich: Stecken wir uns jetzt alle mit SARS-CoV-2 an? Wenn ja, welche Folgen hat das? Was bedeutet das für die nächsten Monate und Jahre? Für die Impfungen, für die Maßnahmen um das Virus einzudämmen? Hier einige Fragen und – so weit es mit dem aktuellen Stand möglich ist! – Antworten.

Was sagt uns die Wissenschaft? Über das Verhältnis von Einzelfall und Statistik

In der biomedizischen Forschung versuchen wir grundsätzlich, Beobachtungen mit Zahlenwerten einzuordnen. Also beispielsweise: von 1000 geimpften Personen, wieviele werden schwer krank nach einer Ansteckung mit SARS-CoV-2 – und wie sicher ist diese Zahl? Das ist aber nicht unbedingt das was einen einzelnen Menschen interessiert. Da ist die Frage eher: werde ich schwer krank wenn ich mich anstecke? Auch wenn die Antwort darauf etwas unterfüttert werden kann, indem bspw. Antikörper gemessen werden, kann sie keine 100%ig Sicherheit geben. Wissenschaftliche Evidenz ist – gerade bei den Fragen hier – dazu geeignet, Aussagen über die Bevölkerung als Ganzes zu machen.

Warum stecken sich jetzt so viele dreifach Geimpfte mit SARS-CoV-2 an?

Dafür gibt es zwei Gründe. Der erste ist, dass bei der Omikron-Variante von SARS-CoV-2 relativ viele, für die Erkennung durch unsere Immunsystem wichtige Stellen, verändert sind. Das bedeutet, dass das Virus nicht mehr so gut erkannt wird von der Immunität durch Impfung oder Ansteckung mit vorherigen Varianten. Die Erkennung ist noch gut genug, um schwere Krankheitsverläufe zu verhindern, aber nicht mehr um die Ansteckung an sich zu verhindern. Der zweite Grund ist, dass wir in unserem Körper nicht nur ein „allgemeines“ Immunsystem haben, sondern auch ein „spezialisiertes“ an bestimmten Orten – u.a. in Nase und Hals. Dieses Immunsystem in den Schleimhäuten von Nase und Hals ist natürlich besonders wichtig um das Virus – das ja dort reinkommt – abzuwehren. Die Impfung in den Muskel trainiert aber vor allem die „allgemeine“ Immunität und eher erstaunlicherweise auch die Immunität in den Schleimhäuten; aber nur wenig und nur für einige Monate.

Schleimhautimmunität und Nasensprayimpfstoffe

Nach einer Infektion sind entsprechend auch mehr Antikörper in den Schleimhäuten vorhanden (siehe dazu hier bzw. in dieser Studie Abbilung 4A). Hierzu ist auch zu sagen, dass diese Antikörper schwieriger zu messen sind (genauer gesagt werden Antikörper im Speichel gemessen), daher gibt es dazu auch weniger Forschung als zu den üblichen Blut-Antikörpermessungen. Um diese Schleimhaut-Antikörper zu erzeugen, ohne das Risiko einer Infektion ohne Impfung einzugehen, wird intensiv an Nasenspray-Impfstoffen geforscht – ich bin selber an einer Studie (noch nicht publiziert) zu einem abgeschwächtem Lebendimpfstoff (wie bei der Masernimpfung ein lebendes Virus, das aber nicht krank machen kann) beteiligt. So weit so gut, aber: Einerseits ist zur Zeit nicht davon auszugehen, dass diese Nasenspray-Impfstoffe vor nächstem Winter einsatzbereit sind. Andererseits ist nicht klar, wie gut sind dann auch halten: denn zur Frage, ob eine Ansteckung nach Impfung tatsächlich (zumindest weitgehen) vor weiteren Ansteckungen schützt, gibt es widersprüchliche Studien (hier wenig Schutz, hier viel Schutz). Das bedeutet, dass Impfungen, die die Infektion nachempfinden, nicht unbedingt ideal funktionieren werden, vor allem im Hinblick auf zukünftige Virusvarianten. Auch hier steht die Forschung aber nicht still, u.a. werden Protein-Impfstoffe für Nasen-Anwendung entwickelt.

Insgesamt: Ob es gelingt, bald mit Impfungen einen Schutz vor dem Virus aufzubauen, der in den meisten Fällen vor Ansteckungen schützt oder maximal zu einer wenig spürbaren Erkältung führt, lässt sich zur Zeit nicht sagen.

Und wenn ich mich trotz Impfung anstecke?

Die Impfung reduziert nach wie vor insgesamt die Wahrscheinlichkeit schwerer Krankheit sehr gut. Aber auch ohne dass man ins Krankenhaus muss: was kann bei einer Ansteckung geschehen? Hier erstmal zu Menschen ohne Vorerkrankungen und jünger (also so bis 60, 70 Jahren).
Leider gibt es kaum Forschung dazu, wie die Symptome auch ohne Krankenhaus sind (Ausnahme hier zu mit/ohne Impfung). Das heißt: es ist schwierig einzuschätzen, was mit welcher Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist, wenn man das Virus trotz Dreifachimpfung erwischt! Klar ist, dass es nicht selten eine als schwer wahrgenomme Krankheit mit mehreren Tagen Fieber, Erschöpfung, Gliederschmerzen usw. ist – also eine „richtige“ Grippe.

Darüber hinaus stellt sich vor allem die Frage: sind langdauernde Folgen zu erwarten, also „LongCovid“ mit monatelanger Erschöpfung oder Geruchsverlust, Schwächung des Immunsystems usw.? Auch hier gilt: die Lage der Forschung ist nicht klar, und es kann durchaus sein, dass insbesondere wiederholte Infektionen (ob mit oder ohne Impfung) auch für gesunde jüngere Menschen spürbar schädlich sind. Trotzdem geht die Gesamtbetrachtung der verfügbaren Daten in die Richtung, dass drei Impfungen mit sehr guter Wahrscheinlichkeit auch vor langfristigen Schäden schützen. Das gilt insbesondere auch trotz etwas überinterpretierten Studienresultaten. Welches die gesamtgesellschaftlichen/politischen Folgerungen aus dieser noch bestehenden Unsicherheit sind, ist eine andere Frage.

Und wie ist es mit immungeschwächten/älteren Menschen?

Für immungeschwächte Menschen (entweder wegen bspw. Leukämie oder immun-unterdrückenden Medikamenten wie bei Multiple Sklerose) wie für ältere Menschen (über 60, 70 Jahre) und solche mit relevanten Vorerkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes gilt: das Virus ist trotz Impfung – wenn sie denn überhaupt wirkt! – gefährlich. Hohe Ansteckungszahlen sind für diese (alleine in Deutschland viele Millionen Menschen) eine besondere Gefahr. Auch wenn mittlerweile ganz gute Medikamente gegen SARS-CoV-2 bzw. COVID-19 verfügbar sind: diese Medikamente müssen erst mal zu den Menschen kommen. Das ist noch eine riesige organisatorische Herausforderung! Insbesondere für diese Menschen, aber angesichts der erwähnten Unsicherheiten gilt für alle: je weniger Ansteckungen mit SARS-CoV-2 es gibt, desto besser. Auch wenn zumindest die „heiße Phase“ der Pandemie wohl vorbei ist, ist meine Folgerung: bspw. Masken im öffentlichen Verkehr, möglichst viel home office, oder bessere Lufthygiene in Klassenzimmern sollten immer noch aktuell bleiben.

In den letzten Tagen haben zwei neue Studien zu SARS-CoV-2/COVID-19 sehr große Aufmerksamkeit erregt. Bei der ersten ging es um die Frage, ob SARS-CoV-2 auch T-Zellen infiziert und damit schädigt: ACE2-independent infection of T lymphocytes by SARS-CoV-2. Die zweite untersuchte den Schwund von Hirnmaße sowie die reduzierte Hirnleistung nach COVID-19: SARS-CoV-2 is associated with changes in brain structure in UK Biobank. Beide Studie wurden teilweise sehr alarmistisch kommentiert, was meines Erachtens bei genauerer Betrachtung – siehe unten – nicht gerechtfertigt ist. Das ändert natürlich nichts daran, dass SARS-CoV-2 ein gefährliches Virus ist, und die Reduktion der Fallzahlen sowie die Impfung nach wie vor enorm wichtig sind.

SARS-CoV-2 und T-Zellen

Die erste Studie untersuchte, ob SARS-CoV-2 auch T-Zellen infiziert, und was dann mit den T-Zellen geschieht. Die Schlussfolgerung der Studie ist, dass das Virus T-Zellen infiziert, und damit massiv schädigt – was zu langanhaltender Immunschwäche führen soll. Von einigen Kommentierenden wurde das auch mit HIV/AIDS verglichen; das HI-Virus infiziert T-Zellen, worauf diese absterben, was zur Immunschwächekrankheit AIDS führt.
Das Grundproblem dieser Studie ist, dass die Experimente teilweise ungeeignet sind, um dies zu schlussfolgern, und erhebliche technische Mängel aufweisen – zwei Beispiele im Detail:

  1. In Abbildung 1 wird jeweils eine einzige (!) Abbildung aus einer Lunge einer an COVID-19 verstorbenen Person, sowie Blutzellen gezeigt. Es wird ein Antikörper verwendet, um Virus-Protein nachzuweisen. Das ist ein übliches Verfahren im Labor; Antikörper, wie hier aus Kaninchen, werden als Werkzeug zum Nachweis des Virus verwendet. Solche Antikörper kann man kaufen, hier wurde ein selbst hergestellter Antikörper verwendet. Es wird aber nicht nachgewiesen, dass der Antikörper genau das nachweist, was er soll. Es ist oft so, dass solche Antikörper nicht nur das erkennen, was sie sollen, sondern auch andere Dinge, d.h. sie „reagieren unspezifisch“. Das mindeste hier wäre gewesen, Proben von gesunden Menschen zu zeigen, wo der Antikörper dann nichts erkennen sollte. In den zusätzlichen Informationen („supplementary information“) ist ein solches Vergleichsbild gezeigt, jedoch von einer anderen Probenart. Zudem ist in Abbildung 1d nicht klar, welche Lungenstruktur hier gezeigt wird; das wäre aber wichtig zu wissen um beurteilen zu können, ob das „Signal“ vom Nucleocapsid-Antikörper biologisch sinnvoll ist – schöne Bilder als Vergleich sind bspw. hier zu sehen. Verdächtig ist in diesen Bildern zudem das Muster der roten Farbe, die das vom Antikörper markierte Virusprotein NP (Nucleocapsid) darstellt. Es ist jeweils in einem Ring am Zellkern, beim sogenannten „endoplasmatischen Retikulum“. Das ist aber nicht unbedingt dort, wo das Nucleocapsid erwartet wird, siehe als Vergleich dazu die Bilder hier. Auf dieser Seite sind auch passende „Kontrollen“ für den Antikörper gezeigt, mit denen man beurteilen kann, ob der Antikörper tut was er soll.
    Die Studie macht hier also auf Grund eines technisch mangelhaften Experimentes eine relativ starke Aussage, die zudem neu ist bzw. der bisherigen wissenschaftlichen Literatur eher widerspricht. Als Gutachter dieser Studie hätte ich folgende Ergänzungen für notwendig befunden:
    – Genaue Beschreibung des neu hergestellten Antikörpers, die auch zeigt, dass der Antikörper tatsächlich das Nucleocapsid markiert.
    – Verwendung eines zweiten Antikörpers, wenn möglich einer der schon in anderen Studien funktioniert hat.
    – Mehr als nur ein Bild, d.h. Proben von mindestens 3 Patient*innen (Blut) bzw. Autopsien (Lunge).
    – Ein zweites, komplett anders funktionierendes Experiment: bspw. isolieren von T-Zellen aus dem Blut von COVID-19-Patient*innen, und darin eine nicht mikroskopie-basierte Nachweismethode. In Abbildung 4 (siehe Punkt 2. unten) wird das im Prinzip gemacht, aber nicht entsprechend analysiert.
  2. Das zweite Experiment mit Proben aus Patient*innen ist in Abbildung 4 zu sehen. Hier werden T-Zellen aus dem Blut von COVID-19-Patient*innen mit einem Zell-Sortierer analysiert. Die Zellen werden wie in Abbildung 4A auf einer zweidimensionalen Fläche angezeigt. Je weiter oben die Zellen sind, desto näher sind die Zellen dem Zelltod; je weitere rechts desto mehr SARS-CoV-2-Nucleocapsid-Protein ist in den Zellen drin. Blaue Punkte sind einzelne Zellen, grün bis rot bedeutes zunehmendes „Aufeinanderstapeln“ von Zellen. Die Zahlen zeigen an, wieviele Prozente in den jeweiligen Quadranten Q1-Q4 sind.
    Hier wird übrigens auch das oben erwähnte Kontroll-Experiment gemacht, nämlich es werden auch Zellen aus einem gesunden Menschen mit dem Antikörper markiert. Auffällig ist nun, dass 1,7% der Zellen aus dem gesunden Menschen mit dem Nucleocapsid-Antikörper markiert sind (Zahlen in Q2+Q3). Dieser Wert sollte eigentlich 0 sein, da da natürlich kein Virus drin ist. D.h., der Antikörper hat auch die Tendenz, andere Dinge als nur Virusprotein zu markieren.
    Zudem ist nicht klar, wie die Linien zur Abgrenzung der Quadranten gesetzt werden. Das ist vor allem deswegen wichtig, weil es zwei „Populationen“ von Zellen gibt, eine links unten, in der die meisten Zellen sind, und eine in der Mitte, ungefähr bei der Schnitstelle der Linien (und dann noch Vereinzelte daneben). Wenn nun die Linien rechts bzw. oberhalb diesem Fleck in der Mitte gesetzt würden – als Abgrenzung von der „Hintergrundsmarkierung“, gäbe es in Q2 (sterbende Zellen mit Virus drin; was auch im Balkendiagramm rechts gezeigt wird als „TUNEL+NP+“) kaum mehr Zellen. Eine schlüssige Begründung für das Setzen der Linien fehlt.
    Auch hier ist also dieses – zugegeben technisch anspruchsvolle – Experiment nicht auf eine Art und Weise durchgeführt, die die starke Botschaft „SARS-CoV-2 infiziert T-Zellen und schädigt sie“ belegen kann.

Die weiteren Experimente sind „in der Petrischale“ gemacht worden, und daher nur bedingt geeignet, Prozesse in einem Organismus nachzubilden; insbesondere können sie die erwähnten Bedenken nicht entkräften.

SARS-CoV-2 und Hirn

Die zweite Studie vergleicht Hirn-Scans vor und nach einer COVID-19-Erkrankungen, sowie Veränderungen von kognitiven Fähigkeiten. Die gesamte Studie ist solide, was auch an der guten Datenqualität und des recht einfachen Vergleichs führt – nämlich zwei Hirn-Scans im Abstand von einigen Monaten, von wenigen hundert Menschen vor und nach bzw. ohne Infektion. An den Resultaten an sich gibt es daher kaum Zweifel. In der Berichterstattung ging aber ein zentraler Punkt verloren: der Schwund an Hirnmasse und kognitiven Fähigkeiten ist altersabhängig und erst ab einem Alter von ungefähr 60 überhaupt wesentlich. Auch gute Zusammenfassungen wie bspw. die von BR Wissen heben diesen wichtigen Punkt kaum hervor. Das ist schon in den rein quantitativen Erhebungen sichtbar (Abbildung 1) und noch stärker bei den kognitiven Analysen (Abbildung 3 – beim „trail making test“ müssen a Bildschirm Zahlenmuster in der richtigen Reihenfolge angeklickt werden). Warum ist das wichtig? Es ist bekannt, dass die Gefährlichkeit einer Infektion mit SARS-CoV-2-Infektion mit dem Alter stark zunimmt. Diese Studie bestätigt diesen allgemein bekannten Befund, ergibt aber keine veränderte Beurteilung der Gefährlichkeit des Virus für unter 60jährige. Die Studie zeigt aber sehr gut auf, dass und in welchem Ausmaß eine Infektion mit SARS-CoV-2 – aus welchen Gründen auch immer – das Gehirn älterer Menschen schädigen kann, und eine Impfung gerade für diese Altersgruppe extrem wichtig ist.