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Stecken wir uns jetzt alle mit SARS-CoV-2 an? Wenn ja, was bedeutet das?

2022

Die Anzahl der Ansteckungen mit SARS-CoV-2 ist nach wie vor (Stand Ende März) sehr hoch. Bei der seit Anfang Januar dominierenden Omikron-Variante schützt auch die dritte Impfung nur noch wenig vor einer Ansteckung – wenn auch immer noch sehr gut vor schwerer Krankheit. Da es immer weniger Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus gibt, sind die Fragen natürlich: Stecken wir uns jetzt alle mit SARS-CoV-2 an? Wenn ja, welche Folgen hat das? Was bedeutet das für die nächsten Monate und Jahre? Für die Impfungen, für die Maßnahmen um das Virus einzudämmen? Hier einige Fragen und – so weit es mit dem aktuellen Stand möglich ist! – Antworten.

Was sagt uns die Wissenschaft? Über das Verhältnis von Einzelfall und Statistik

In der biomedizischen Forschung versuchen wir grundsätzlich, Beobachtungen mit Zahlenwerten einzuordnen. Also beispielsweise: von 1000 geimpften Personen, wieviele werden schwer krank nach einer Ansteckung mit SARS-CoV-2 – und wie sicher ist diese Zahl? Das ist aber nicht unbedingt das was einen einzelnen Menschen interessiert. Da ist die Frage eher: werde ich schwer krank wenn ich mich anstecke? Auch wenn die Antwort darauf etwas unterfüttert werden kann, indem bspw. Antikörper gemessen werden, kann sie keine 100%ig Sicherheit geben. Wissenschaftliche Evidenz ist – gerade bei den Fragen hier – dazu geeignet, Aussagen über die Bevölkerung als Ganzes zu machen.

Warum stecken sich jetzt so viele dreifach Geimpfte mit SARS-CoV-2 an?

Dafür gibt es zwei Gründe. Der erste ist, dass bei der Omikron-Variante von SARS-CoV-2 relativ viele, für die Erkennung durch unsere Immunsystem wichtige Stellen, verändert sind. Das bedeutet, dass das Virus nicht mehr so gut erkannt wird von der Immunität durch Impfung oder Ansteckung mit vorherigen Varianten. Die Erkennung ist noch gut genug, um schwere Krankheitsverläufe zu verhindern, aber nicht mehr um die Ansteckung an sich zu verhindern. Der zweite Grund ist, dass wir in unserem Körper nicht nur ein „allgemeines“ Immunsystem haben, sondern auch ein „spezialisiertes“ an bestimmten Orten – u.a. in Nase und Hals. Dieses Immunsystem in den Schleimhäuten von Nase und Hals ist natürlich besonders wichtig um das Virus – das ja dort reinkommt – abzuwehren. Die Impfung in den Muskel trainiert aber vor allem die „allgemeine“ Immunität und eher erstaunlicherweise auch die Immunität in den Schleimhäuten; aber nur wenig und nur für einige Monate.

Schleimhautimmunität und Nasensprayimpfstoffe

Nach einer Infektion sind entsprechend auch mehr Antikörper in den Schleimhäuten vorhanden (siehe dazu hier bzw. in dieser Studie Abbilung 4A). Hierzu ist auch zu sagen, dass diese Antikörper schwieriger zu messen sind (genauer gesagt werden Antikörper im Speichel gemessen), daher gibt es dazu auch weniger Forschung als zu den üblichen Blut-Antikörpermessungen. Um diese Schleimhaut-Antikörper zu erzeugen, ohne das Risiko einer Infektion ohne Impfung einzugehen, wird intensiv an Nasenspray-Impfstoffen geforscht – ich bin selber an einer Studie (noch nicht publiziert) zu einem abgeschwächtem Lebendimpfstoff (wie bei der Masernimpfung ein lebendes Virus, das aber nicht krank machen kann) beteiligt. So weit so gut, aber: Einerseits ist zur Zeit nicht davon auszugehen, dass diese Nasenspray-Impfstoffe vor nächstem Winter einsatzbereit sind. Andererseits ist nicht klar, wie gut sind dann auch halten: denn zur Frage, ob eine Ansteckung nach Impfung tatsächlich (zumindest weitgehen) vor weiteren Ansteckungen schützt, gibt es widersprüchliche Studien (hier wenig Schutz, hier viel Schutz). Das bedeutet, dass Impfungen, die die Infektion nachempfinden, nicht unbedingt ideal funktionieren werden, vor allem im Hinblick auf zukünftige Virusvarianten. Auch hier steht die Forschung aber nicht still, u.a. werden Protein-Impfstoffe für Nasen-Anwendung entwickelt.

Insgesamt: Ob es gelingt, bald mit Impfungen einen Schutz vor dem Virus aufzubauen, der in den meisten Fällen vor Ansteckungen schützt oder maximal zu einer wenig spürbaren Erkältung führt, lässt sich zur Zeit nicht sagen.

Und wenn ich mich trotz Impfung anstecke?

Die Impfung reduziert nach wie vor insgesamt die Wahrscheinlichkeit schwerer Krankheit sehr gut. Aber auch ohne dass man ins Krankenhaus muss: was kann bei einer Ansteckung geschehen? Hier erstmal zu Menschen ohne Vorerkrankungen und jünger (also so bis 60, 70 Jahren).
Leider gibt es kaum Forschung dazu, wie die Symptome auch ohne Krankenhaus sind (Ausnahme hier zu mit/ohne Impfung). Das heißt: es ist schwierig einzuschätzen, was mit welcher Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist, wenn man das Virus trotz Dreifachimpfung erwischt! Klar ist, dass es nicht selten eine als schwer wahrgenomme Krankheit mit mehreren Tagen Fieber, Erschöpfung, Gliederschmerzen usw. ist – also eine „richtige“ Grippe.

Darüber hinaus stellt sich vor allem die Frage: sind langdauernde Folgen zu erwarten, also „LongCovid“ mit monatelanger Erschöpfung oder Geruchsverlust, Schwächung des Immunsystems usw.? Auch hier gilt: die Lage der Forschung ist nicht klar, und es kann durchaus sein, dass insbesondere wiederholte Infektionen (ob mit oder ohne Impfung) auch für gesunde jüngere Menschen spürbar schädlich sind. Trotzdem geht die Gesamtbetrachtung der verfügbaren Daten in die Richtung, dass drei Impfungen mit sehr guter Wahrscheinlichkeit auch vor langfristigen Schäden schützen. Das gilt insbesondere auch trotz etwas überinterpretierten Studienresultaten. Welches die gesamtgesellschaftlichen/politischen Folgerungen aus dieser noch bestehenden Unsicherheit sind, ist eine andere Frage.

Und wie ist es mit immungeschwächten/älteren Menschen?

Für immungeschwächte Menschen (entweder wegen bspw. Leukämie oder immun-unterdrückenden Medikamenten wie bei Multiple Sklerose) wie für ältere Menschen (über 60, 70 Jahre) und solche mit relevanten Vorerkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes gilt: das Virus ist trotz Impfung – wenn sie denn überhaupt wirkt! – gefährlich. Hohe Ansteckungszahlen sind für diese (alleine in Deutschland viele Millionen Menschen) eine besondere Gefahr. Auch wenn mittlerweile ganz gute Medikamente gegen SARS-CoV-2 bzw. COVID-19 verfügbar sind: diese Medikamente müssen erst mal zu den Menschen kommen. Das ist noch eine riesige organisatorische Herausforderung! Insbesondere für diese Menschen, aber angesichts der erwähnten Unsicherheiten gilt für alle: je weniger Ansteckungen mit SARS-CoV-2 es gibt, desto besser. Auch wenn zumindest die „heiße Phase“ der Pandemie wohl vorbei ist, ist meine Folgerung: bspw. Masken im öffentlichen Verkehr, möglichst viel home office, oder bessere Lufthygiene in Klassenzimmern sollten immer noch aktuell bleiben.

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