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Ende Dezember 2019 hat die Pandemie mit den neuen Coronavirus SARS-CoV-2 begonnen. Seit dem 23. Januar 2020 poste ich auf Twitter und Facebook (und hier) regelmäßige kleine Informationshäppchen mit Fragen, Antworten und Kommentare zu Coronaviren. Einerseits wegen des zur Zeit natürlich großen Interesses an dieser Virusfamilie, andererseits auch weil es eine gute Gelegenheit ist um über wissenschaftliche Erkenntnisse zu sprechen, und über die Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft.

Mit verschiedenen Arbeitsgruppen insbesondere der Charité Berlin, der FU Berlin und des Max-Delbrück-Centrums arbeite ich vor allem zur molekularbiologischen Charakterisierung von mit Coronaviren infizierten Zellen sowie zu was bei COVID-19 in der Lunge geschieht, siehe dazu auch diesen Youtube-Film mit einem Vortrag von mir. Ein Übersichtsartikel zu SARS-CoV-2/COVID-19 in englischer Sprache, gemeinsam mit Marco Binder geschrieben, gibt es hier. Die komplette Liste der wissenschaftlichen Arbeiten, zu denen ich etwas beigetragen habe, ist auf Google Scholar verfügbar. Ein Essay zu Wissenschaft und Politik ist zugänglich auf laborjournal.de, die meisten anderen Interviews/Texte ansonsten hinter paywalls – falls Interesse an einem besteht, bitte melden. Thema Abwasser? Siehe hier. Bei WELT TV gibt es kurze Beiträge zum Novavax-Impfstoff und zur Kinderimpfung. Erklärvideos vom Max-Delbrück-Centrum:
Krankheitsphasen von COVID-19: https://www.youtube.com/watch?v=MIMmWFeJsqc
Kinderimpfung: https://www.youtube.com/watch?v=q1xzx4X7IgE
Omikron: https://www.youtube.com/watch?v=EOBGr_9l71Q&t=20s

Der erste Teil der CoronaInfos vom 23. Januar bis bis 7. Mai 2020 ist hier zu finden, der zweite Teil vom 11. Mai bis 19. Oktober 2020 hier, der dritte Teil von 22. Oktober 2020 bis 12. Februar 2021 hier, der vierte Teil vom 16. Februar 2021 bis 30. Juli 2021 hier, der fünfte Teil vom 3. August 2021 bis 8. April 2022 hier.

30. Juni: Der Totimpfstoff von Valneva

Der Impfstoff der österreichisch-französischen Firma Valneva ist als sechster Impfstoff gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 zugelassen worden. Hier zusammengefasst was diesen „Totimpfstoff“ ausmacht, und was über seine Wirksamkeit bekannt ist.
„Totimpfstoff“ bedeutet, dass das ganze SARS-CoV-2-Virus im Impfstoff drin ist, es aber mit starken Chemikalien komplett inaktiviert („abgetötet“) wurde. Bspw. der Polio-Impfstoff (Kinderlähmung) ist ebenfalls ein Totimpfstoff. Solche Impfstoffe brauchen ein Adjuvans, also einen Zusatz, der das Immunsystem anregt – ansonsten würde die kleine Menge toter Virus mehr oder weniger unbemerkt verschwindet. Bei Valneva wird einerseits das seit fast 100 Jahren verwendete Adjuvans Aluminium verwendet.
Andererseits ist CpG-DNA drin, also DNA mit der „Buchstaben“-Abfolge CG. Diese Kombination ist in menschlicher DNA selten, bzw. ist vor allem in Bakterien und Viren zu finden. Daher wird sie von menschlichen Zellen als fremd erkannt und aktiviert das Immunsystem. CpG-DNA als Adjuvans ist neueren Datums, und wird beispielsweise im Hepatitis-B-Impfstof Heplisav-B verwendet. Dort und mit anderen Impfstoffen hat sich gezeigt, dass CpG-DNA als Adjuvans zu einer sehr guten Immunantwort und damit wirksamer Impfung führt.
Für die Zulassung von Valneva wurden keine Daten zur Effizienz der Impfung gegen Ansteckung oder schwere Erkrankung erhoben (was in einer zunehmend immunen Bevölkerung auch schwierig wird) wie bei den ersten Impfstoffen vor eineinhalb Jahren. Stattdessen wurde gezeigt, dass die Menge Antikörper und T-Zellen gegen das Virus etwas besser sind als mit dem Adenovirus-Impfstoff von Uni Oxford/AstraZeneca; was als Beleg für die Wirksamkeit ausreichte. Die üblichen Impfreaktionen (Schmerzen im Impfarm, Müdigkeit usw.) kamen mit Valneva ungefähr halb so oft vor verglichen mit AstraZeneca. Schwerere/seltenere Nebenwirkungen waren mit der relativ geringen Anzahl Studienteilnehmer (3000) nicht einschätzbar.

Links:
Daten für die Zulassung: https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=4125252
CpG-DNA als Adjuvans: https://link.springer.com/protocol/10.1007/978-1-0716-0872-2_4
Phase-1-Studie: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0163445322003619

8. Juni: B-Zellen, T-Zellen, Antikörper – was entfernt das Virus?

Nach einer Ansteckung mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 kann die gezielte Immunantwort von B-Zellen/Antikörpern und T-Zellen das Virus komplett entfernen. Welchen Beitrag die verschiedenen Teile dieser „erworbenen Immunität“ leisten wird intensiv diskutiert.
Grob unterteilt gilt für die erworbene Immunität: B-Zellen entwickeln sich so, dass sie dann Antikörper produzieren, die das Virus direkt erkennen und es blockieren, wenn es bspw. in den Atemwegen zirkuliert. T-Killerzellen erkennen und zerstören infizierte Zellen. T-Helferzellen „unterstützen“ aber vor allem B-Zellen und T-Killerzellen in ihrer Funktion.
Um diese drei Teile der erworbenen Immunität auseinanderzuhalten, wurden gut 100 Krebspatient*innen untersucht, die sich mit SARS-CoV-2 angesteckt hatten. Ein Fünftel bekam Medikamente, die B-Zellen unterdrücken. Das ist bspw. bei Lymphomen notwendig, (unkontrollierte Vermehrung von B-Zellen). In diesen Fällen blieb das Virus wochenlang im Körper, d.h. B-Zellen/Antikörper sind notwendig um es (schnell) zu entfernen. In Abwesenheit von B-Zellen und damit ohne Virus-erkennende Antikörper gab es teilweise vermehrt T-Killerzellen. Diese sind wichtig, um schwere Fälle von COVID-19 zu verhindern; sie alleine schienen aber nicht ausreichend zu sein, um das Virus komplett zu entfernen.
Eine weitere Gruppe von Patient*innen ohne B-Zellen hatte aber zusätzlich noch sehr aktive T-Helferzellen. In diesen Fällen gelang es, das Virus trotzdem vollständig zu entfernen. Ob das durch die Aktivierung der wenigen noch übriggebliebenen B-Zellen gelang, oder über die bessere „Koordinierung“ der T-Killerzellen, war aber nicht klar.
Solche Studien helfen zu verstehen, was es es für eine erfolgreiche Virusbekämpfung braucht. Das ist insbesondere bei Immunschwächen oder immun-unterdrückenden Therapien wie eben mit einigen Krebsarten wichtig. Andererseits „trainieren“ Impfstoffe B- und T-Zellen unterschiedlich, je nach dem wie sie genau gemacht sind. Die Studie hier zeigt entsprechend, wie wichtig dabei die T-Helferzellen sind.
Link zur Studie: https://www.cell.com/cancer-cell/fulltext/S1535-6108(22)00226-4
Mäuse ohne T-Zellen: https://www.science.org/doi/10.1126/sciimmunol.abl4509
Verschiedene Wirkungen von Impfstoffen: https://emanuelwyler.wordpress.com/2021/08/18/coronainfo-funfter-teil/#0104

2. Juni: Die Mechanik des Spike-Proteins

Auf der Oberfläche des Coronavirus SARS-CoV-2 ist das Spike-Protein. Damit kommt das Virus mit einem komplizierten Vorgang in unsere Zellen hinein. Ein neues Detail davon und Effekte auf die Immunität gegen das Virus zeigt die hier zusammengefasste Studie.
Das Spike-Protein ist in der Hülle des Virus verankert, und besteht darüber grob gesagt aus drei Teilen. Der erste Teil (genannt NTD) ragt nach außen, über seine Funktion ist aber nicht viel bekannt. Der zweite Teil (genannt RBD) ist am besten erforscht. Denn damit findet der Kontakt des Virus mit unseren Zellen statt, also der erste Schritt bei einer Ansteckung. Die wirksamsten Antikörper, die durch Impfung/Genesung entstehen, blockieren diesen Kontakt. Entsprechend sind gerade bei Omikron dort viele Veränderungen. Denn solche Veränderungen machen das Virus resistent gegen diese Antikörper. Der dritte Teil ist für die Verschmelzung des Virus mit unsere Zellen zuständig. Bekannt ist, dass auch Antikörper gegen den ersten Teil (NTD) die Virusansteckung blockieren können, obwohl dieser keinen direkten Kontakt mit der Zelle macht.
In der Studie hier wurde in Laborexperimenten gezeigt, dass die Antikörper gegen den ersten Teil (NTD) die Verschmelzung von Virus und Zelle blockieren. Das war bemerkenswert, weil diese Verschmelzung durch einen Teil „weit weg“ geschieht. Darauf aufbauend wurde dann eine Art „mechanische Verbindung“ zwischen Teil 1 (NTD) und Teil 3 entdeckt. Das deutet darauf hin, dass der erste Teil (NTD) bei der Verschmelzung von Virus mit Zelle, die am anderen Ende des Spike-Proteins geschieht, mitwirkt – und das wird durch Antikörper gegen diesen ersten Teil (NTD) blockiert. Die zur Zeit verwendeten Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 bestehen aus dem Spike-Protein, aber nicht genau so wie es im Virus ist.
Forschung über die Mechanik des Spike-Proteins von vor der Pandemie hat gezeigt, wie kleine Veränderungen, die eben diese Mechanik beeinflussen, den Impfstoff besser machen können. Das noch bessere Verständnis des Spike-Proteins durch Grundlagenforschung wie diese hier kann daher zu deren weiteren Verfeinerung beitragen.

Link zur Studie: https://www.cell.com/cell-reports/fulltext/S2211-1247(22)00553-8

18. Mai: Der abgeschwächte Lebendimpfstoff

Weltweit wird an besseren Impfstoffen gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 geforscht. In einem Team aus FU/Charité/MDC Berlin haben wir einen „abgeschwächten Lebendimpfstoff“ (als Nasenspray) in Hamstern untersucht, und mit RNA/Adenovirus-Impfungen verglichen.
Die aktuellen Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 erzeugen eine sehr gute „systemische“ Immunität. Das bedeutet u.a., dass viele Antikörper im Blut zirkulieren, was schwere Krankheit verhindert. Um das Virus aber schon in Nase/Hals zu stoppen, braucht es eine „lokale“ Immunität. Um diese lokale Immunität zu erzeugen, wird intensiv an Impfstoffen geforscht, die als Nasenspray gegeben werden. Das kann ein Impfstoff mit einem Trägervirus sein, wie der Adenovirus-Impfstoff von Oxford/AstraZeneca, oder ein richtiges Virus – aber stark abgeschwächt. Dieses Prinzip wird auch bei der Masern- oder Rötelnimpfung verwendet. Das Impfvirus erzeugt eine ganz leichte, meistens kaum spürbare Infektion (selten kann es aber zu den fast immer harmlosen „Impfmasern“ kommen).
Bei unserem Lebendimpfstoff wurden 200 von 30000 Stellen im Erbgut von SARS-CoV-2 verändert; dieses Virus ist ansteckend, kann sich aber kaum vermehren, und wird schnell eliminiert. Damit haben wir Hamster geimpft, und als Vergleich Biontech und ein Adenovirus-Impfstoff. Im Vergleich bot die zweifache Impfung mit dem Lebendimpfstoff den besten Schutz, gefolgt von der Kombination RNA + Lebendimpfstoff. Die 2x mit Lebendimpfstoff geimpften Tiere zeigten fast keine Anzeichen von Krankheit, und sehr geringe Entzündungswerte. Nach Infektion verschwand das Virus sehr schnell, und wir sahen eine sehr gute Reaktivierung des Immungedächtnisses durch die Impfung. In der Nasenschleimhaut gab es viel weniger Schäden durch die Virusinfektion, und die Riechnerven waren kaum beeinträchtigt. Insgesamt zeigte der Lebendimpfstoff also eine sehr gute Wirkung, bis zur Anwendung im Menschen ist es aber noch ein weiter Weg. Die Schweizer Firma RocketVax bereitet zur Zeit klinische Studien vor; dann wird sich zeigen, ob die Wirkung im Menschen ebenso gut ist. Lebendimpfstoffe sind zudem bei immungeschwächten Menschen grundsätzlich nicht ideal, bzw. muss erst noch geprüft werden ob ein Lebendimpfstoff auch bei ihnen anwendbar ist.

Link zur Studie: https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2022.05.16.492138v1
Codagenix/Serum Institute of India beginnen mit einem vergleichbaren Lebendimpfstoff demnächst Phase 2/3 der klinischen Studien: https://codagenix.com/codagenix-intranasal-covid-19-vaccine-shows-potent-cellular-immune-response-against-conserved-viral-proteins-indicating-potential-for-immunogenicity-against-omicron-and-future-variants-in-phase-1-dat/?pag=1

10. Mai: Omicron vs. Delta

Um den Jahreswechsel 2021/2022 hat die Omikron-Variante von SARS-CoV-2 die davor dominierende Delta-Variante innert weniger Wochen vollständig abgelöst. Wie sich die „Fitness“ der beiden Variante unterscheidet, untersucht eine hier zusammengefasste Studie.
Die drei wichtigsten Eigenschaften der Coronavirus-Varianten sind: 1. Verbreitet sich das Virus schneller? 2. Kann es Immunität durch Impfung oder vorhergende Ansteckungen besser umgehen? 3. Macht es stärker krank? Die erste Eigenschaft kann in Tierexperimenten am besten gemessen werden, da bei der Ausbreitung des Virus in der Bevölkerung alle möglichen nicht bestimmbaren Einflüsse das Ergebnis verfälschen können. Für den direkten Vergleich wurden Omikron- und Delta-Viren 1:1 gemischt, und Hamster sowie Mäuse damit angesteckt. Schon nach 3 Tagen hatte in den Tieren drin die Delta-Variante Omikron weitgehend verdrängt. Omikron und Delta unterscheiden sich am meisten im Spike-Protein, das auf der Oberfläche des Virus (und im Impfstoff) ist. Das Spike hat zwei Funktionen gleichzeitig: das Virus kommt damit in unsere Zellen hinein, und es ist Haupt-Erkennungspunkt für das Immunsystem.
Von knapp 1300 Bausteinen (=Aminosäuren) des Spike sind 34 unterschiedlich bei Omikron und Delta. Außerhalb des Spike gibt es auch noch zahlreiche Unterschiede, deren Bedeutung kaum bekannt ist. Um daher klar sagen zu können, welche Rolle das Spike …spielt, wurden spezielle Viren wie folgt gebaut: nur noch das Spike war entweder Omikron oder Delta, und alle anderen Virus-Bauteile entsprachen dem ursprünglichen Virus. Damit kann man herausfinden, ob das Spike-Protein den Unterschied macht. Mit Spike-Omikron und Spike-Delta wurden dann geimpfte und ungeimpfte Mäuse infiziert. Spike-Delta vermehrte sich, wie erwartet, in ungeimpften viel mehr als in geimpften Tieren. Mit Spike-Omikron gab es aber kaum mehr Unterschiede.
In Kombination weisen die Experimente also darauf hin, dass sich Delta eigentlich schneller verbreiten kann als Omicron, d.h. alle die Veränderungen im Omicron-Spike machen das Virus „langsamer“. Da Omicron aber die Immunität durch Impfung/Genesung umgehen kann, wird es in einer zunehmend immunen Bevölkerung „fitter“, was die Verdrängung von Delta durch Omicron erklären kann.

Link zur Studie: https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2022.04.28.489537v1.full

5. Mai: wer erstellt, nutzt, teilt, bezahlt Virus-Erbgut-Daten?

Die Veränderungen im Erbgut des Coronavirus SARS-CoV-2 werden weltweit intensiv verfolgt. Neue Varianten können dadurch innert weniger Wochen entdeckt und untersucht werden. Wie diese Erbgut-Daten verbreitet und (auch kommerziell) genutzt werden, ist aber umstritten.
Die wichtigsten Datenbank für Erbgut-Sequenzen von SARS-CoV-2 sind das ursprünglich für Grippeviren gegründete GISAID („Global Initiative on Sharing All Influenza Data“) und GenBank, das zu den National Institutes of Health in den USA gehört. GISAID (zur Zeit in Deutschland beheimatet) wird von Stiftungen und Regierungen aus verschiedenen Ländern finanziert. Die Daten daraus sind (nach Anmeldung) frei zugänglich, bei ihrer Verwendung muss aber das Labor einbezogen werden, das sie erstellt hat. Der Grund dafür ist, dass das Erbgut von Viren zwar häufig in ärmeren Ländern bestimmt wird (bei Omicron Botswana und Südafrika), wirtschaftlich aber oft in reicheren Ländern genutzt wird – bspw. für Anpassungen von Impfstoffen oder Medikamenten.
Im Jahr 2007 hat daher die indonesische Regierung, schlicht neue Grippevirus-Erbgut-Sequenzen nicht mehr publik gemacht, was wohl mit ein Grund für den Start von GISAID im Jahr 2008 war. Im Gegensatz zu GISAID sind Daten von Genbank ohne weiteres und anonym verwendbar. Das bedeutet, dass Virus-Erbgut-Daten ohne Nennung der Herkunft auch profitorientiert verwendet werden können. Und das geschieht v.a. in reicheren Ländern. Ein ähnliches Problem stellt sich auch bei einzelnen Proben. Ein PCR-Test wird von den Getesteten selber oder einer Krankenversicherung bezahlt. Daraus kann dann eine Virus-Erbgut-Sequenz gewonnen werden, die an anderer Stelle kommerziell genutzt wird. Es gibt aber keine Mechanismen, um diejenigen, von denen die Virus-Probe kommt und/oder die sie bezahlt haben, zu vergüten. Insgesamt: Wie und von wem biologische Daten erstellt, genutzt und bezahlt werden, wird ein wichtiges Thema der nächsten Jahre werden.

Text zum Thema: https://thebulletin.org/2022/05/how-a-dispute-over-sharing-coronavirus-genomes-is-threatening-a-vital-tool-for-tracking-variants/

29. April: das Coronavirus in nordamerikanischen Hirschen

Das Coronavirus SARS-CoV-2 kann nicht nur Menschen anstecken, sondern auch viele Tierarten. Betroffen sind Haustiere und Zuchttiere genauso wie Wildtiere; hier zusammengefasst der aktuelle Stand zur Verbreitung des Virus in nordamerikanischen Hirschen.
Das Coronavirus nutzt ein bestimmtes Protein auf der Oberfläche unserer Zellen als „Eintrittspforte“. Dieses Protein ist bei allen Säugetieren sehr ähnlich, daher kann SARS-CoV-2 so viele Tierarten anstecken. Wenn das Virus nun wie bei den Hirschen in einer Tierart kursiert, kann es sich laufend verändern. Bei den so neu entstehenden Varianten gibt es zwei Fragen: Erstens, sind sie besser auf diese Tierart spezialisiert und damit weniger ansteckend für Menschen? Oder, zweitens, sind die neuen Tier-Varianten auch für den Menschen ansteckender/gefährlicher?
Je nach Tierart kann das unterschiedlich sein. V.a. Omikron könnte durch längere Zirkulation in einer Tierart entstanden, und dann zurück auf den Menschen gesprungen sein. Verschiedene Studien haben nun gezeigt, dass bei nordamerikanischen Weißwedelhirschen je nach Zeitpunkt bis zu einigen Prozent der Tiere gleichzeitig infiziert sind. Weißwedelhirsche kommen Menschen oft recht nahe, und leben in größeren Gruppen eng zusammen. Die Bestimmung des Erbgutes der Viren aus den Hirschen im November/Dezember 2021 zeigte zwei Dinge. Erstens, das am nächsten verwandte, bekannte Virusgenom aus einem Menschen war von Anfang 2021. Das heißt, dass das Virus evtl. über Monate in den Hirschen zirkulierte. Zweitens, im Erbgut der Viren aus den Hirschen gab es Veränderungen, die auch schon bei Viren aus Menschen gesehen wurden – aber auch solche, die bisher nur bei Hirschen aufgetreten sind.
Das deutet darauf hin, dass es eine Anpassung des Virus an die Hirsche gibt. Ob diese an die Hirsche angepasste Virusvariante für Menschen mehr oder weniger ansteckend/gefährlich ist, ist noch nicht klar. Insgesamt zeigen die aktuellen Studien, dass SARS-CoV-2 sich auch in Tieren schnell ausbreiten und darin verändern kann. Daher wird vorgeschlagen, die zukünftige Evolution von SARS-CoV-2 im Sinne des „One-Health-Ansatzes“ nicht nur im Menschen (bspw. mit Abwasser) sondern auch in Tieren zu beobachten.

Übersichtsartikel: https://www.nature.com/articles/d41586-022-01112-4
Erbgut der Viren aus Weißwedelhirschen in Nordamerika: https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2022.02.22.481551v1.full

26. April: wie das Coronavirus seine Baupläne macht

Bei der Virus-Vermehrung in unseren Zellen müssen die Bestandteile des Virus in den richtigen Mengen hergestellt werden. Coronaviren haben dafür einen besonders eleganten Mechanismus, der sogar noch wandelbar ist, wie eine neue Studie zeigt.
Coronaviren stellen 25 Proteine (=Eiweiße) her. Von einigen braucht es wenig, von anderen sehr viel. Die Lösung für dieses Problem muss sehr sparsam sein, denn das Erbgut von Viren ist sehr klein und komplizierte Mechanismen unmöglich. Und so funktioniert es: Das Erbgut von Coronaviren besteht aus ungefähr 30000 „Buchstaben“ in einer Kette. Die Baupläne für die Virus-Proteine sind auf dieser Kette verteilt. Um den Bauplan für ein bestimmtes Protein herzustellen, wird nur ein Teil des Erbgutes kopiert. Dabei werden die ersten ungefähr 60 Buchstaben der Kette mit dem Teil weiter hinten verknüpft, wo der Bauplan ist. Entscheidend ist nun die „Stärke“ der Verknüpfungspunkte: je stärker, desto mehr werden vom jeweiligen Bauplan und dem daraus entstehenden Protein gemacht. Diese „Verknüpfungsstärken“ sind nun genau so eingestellt, wie es für die Vermehrung des Virus am Besten ist.
Wie die hier zusammengefasste Studie zeigt, können aber auch neue Verknüpfungspunkte, und damit neue Virusproteine entstehen. Ein solcher neuer Verknüpfungspunkt führt zu einem Protein, das (wie einige schon bekannte Virusproteine) die Aktivierung des menschlichen Immunsystems gegen das Virus bremst. Dabei entstand der neue Verkünpfungspunkt in den letzten Jahren mehrmals. In den Virus-Varianten Alpha und Omikron ist er drin, nicht aber in Delta. Die Enstehung eines Erbgut-Merkmals mehrmals und unabhängig voneinander wird „konvergente Evolution“ genannt. Das ist ein deutlicher Hinweis, dass das Merkmal für die Virus-Vermehrung günstig ist. Das Coronavirus-Erbgut erscheint auf den ersten Blick relativ simpel und übersichtlich. Die Studie zeigt aber, wie vielfältig seine Anpassungsmöglichkeiten sein können, damit es sich trotz unseres Immunsystems effizient vermehren kann.

Link zur Studie: https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2022.04.20.488895v1.full

22. April: SARS-CoV-2 im Darm

Coronaviren vermehren sich vor allem in unseren Atemwegen, können manchmal aber auch (bspw. beim Schweine-Corona-Durchfallvirus sogar hauptsächlich) den Darm befallen. Hier zusammengefasst zwei Studien, die mögliche Folgen davon untersuchen.
In der ersten Studie wurden über mehrere Monate nach der Ansteckung Stuhlproben von etwas mehr als Hundert Studien-Teilnehmenden auf Virus-Erbgut untersucht. Kurz nach Ansteckung waren bei ungefähr der Hälfte der Teilnehmenden Virus-Erbgut im Stuhl. Vier Wochen später war das Virus-Erbgut nur noch bei 5% im Hals nachweisbar, aber noch bei 20% im Stuhl. Nach einem halben Jahr hatte niemand mehr Virus-Erbgut im Hals, aber noch 1 von 8 (13%) im Stuhl. Bei allen Teilnehmen wurden zudem die Symptome während der akuten Erkrankung abgefragt. Insgesamt 17 Prozent berichteten von Durchfall/Bauchschmerzen/Übelkeit – und diese Symptome kamen gehäuft bei denjenigen vor, die Virus-Erbgut im Stuhl hatten. Das stützt die Vermutung, dass sich das Coronavirus SARS-CoV-2 in manchen Fällen auch in Darmzellen vermehren kann, was dann auch zu Bauchschmerzen, Durchfall usw. führt.
Die zweite Studie untersuchte Kinder mit und ohne MIS-C/PIMS (hohes Fieber usw. 2-5 Wochen nach einer SARS-CoV-2-Infektion; kommt bei ungefähr 1 von 4000 Kindern vor). Kinder mit MIS-C hatten Blut-Messwerte, die auf eine nicht ganz intakte Darmschleimhaut hindeuteten. Gleichzeitig waren auch noch höhere Werte des Spike-Proteins des Virus im Blut der Kinder mit MIS-C messbar. Dies zusammen könnte bedeuten, dass Virus-Vermehrung in den Darm-Zellen die Darmschleimhaut schädigt, und zudem Virus-Proteine ins Blut kommen. Da ungefähr 10% der Menschen mit LongCovid ebenfalls Magen-Darm-Probleme haben, könnte auch da ein Zusammenhang bestehen: d.h. länger andauernde Virus-Vermehrung im Darm führt entsprechend zu lang anhaltenden Beschwerden.

Magen-Darm-Symptome und Virus-RNA im Stuhl: https://www.cell.com/med/fulltext/S2666-6340(22)00167-2
Corona im Darm und MIS-C/PIMS bei Kindern: https://www.jci.org/articles/view/149633
MIS-C (PIMS): https://emanuelwyler.wordpress.com/2021/08/18/coronainfo-funfter-teil/#0125

19. April: Vergleich der Symptome bei Delta und Omikron

Die seit Anfang Januar dominierende Omikron-Variante von SARS-CoV-2 macht die Menschen seltener schwer krank als die Delta-Variante davor. Das ist vor allem von Krankenhauseinweisungen bekannt, aber wie sind die Unterschiede bei milderen Verläufen?
Im Gegensatz zu moderaten bis schweren Fällen von COVID-19 von Patient*innen im Krankenhaus sind „mildere“ Krankheitsverläufe (d.h. alles ohne Atemnot) weniger gut erforscht. Das gilt vor allem für den Schweregrad und die Dauer der Symptome wie Husten, Fieber usw. Das ZOE-Projekt in Großbritannien nutzt Daten von Zehntausenden von Menschen, die in eine App Art, Stärke und Dauer ihrer Symptome eingeben. Auch wenn deren Wahrnehmung von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich ist, ermöglichen die großen Zahlen Vergleichbarkeit. Bei Omikron waren Halsschmerzen und Heiserkeit etwas häufiger als bei Delta. Auf der anderen Seite waren Verlust des Geruchssinnes fünfmal seltener, und auch eine veränderte Geruchswahrnehmung, Niesen oder eine laufende Nase kamen weniger oft vor. Das entspricht der aktuellen Forschung, die den Geruchs-Verlust auf eine Schädigung der Riechnerven durch Entzündung zurückführt (bei Omikron schwächer, daher seltener schwere Krankheitsverläufe), und bei Delta/Omikron unterschiedliche Infektionsmuster in der Nase sieht.
Zudem wurde die Dauer der Symptome abgefragt. Mit Delta dauerten sie im Durchschnitt wenige Tage länger an. Besonders stark war dieser Effekt bei den dreifach Geimpften, die zusätzlich für beide Virusvarianten von kürzerer Krankheit als die zweifach Geimpften berichteten. Das passt dazu, dass nach 3-5 Tagen das (mit Dreifachimpfung stärkere) Immun-Gedächtnis reaktiviert wird, und das Virus so schneller bekämpft wird.

Link zur Studie: https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(22)00327-0/fulltext
ZOE: https://covid.joinzoe.com/blog
ZOE-Studie Symptome mit/ohne Impfung: https://emanuelwyler.wordpress.com/2021/08/18/coronainfo-funfter-teil/#0903
Verlust Geruchssinn : https://emanuelwyler.wordpress.com/2021/08/18/coronainfo-funfter-teil/#0204
Unterschiedliche Infektionen in der Nase bei Delta vs. Omikron: https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2022.04.12.487379v1.full

13. April: Die Lunge bei COVID-19 unter dem Mikroskop

Bei COVID-19 wird die Lunge stark geschädigt. Die Histopathologie, also die Untersuchung von Gewebeproben unter dem Mikroskop, ist zentral beim Verstehen dieser Krankheit. Hier einige Beispielbilder der Lungen von COVID-19-Hamstern, aus der Veterinärpathologie der FU Berlin.

Diese Querschnitte durch die gesamte Lunge sind mit H&E gefärbt. Links, ohne Infektion, ist die Lunge frei, die Lungenbläschen (weiß) sind offen. Nach Infektion verstopfen Immunzellen (purpur) und Schleim die Lunge, die Sauerstoffaufnahme funktioniert nicht mehr richtig. Den Rest des Beitrags lesen »