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Am 14. Juni wird es in der Schweiz einen Volksentscheid über die Präimplantationsdiagnostik (PID) geben. Bei der PID werden durch künstliche Befruchtung erzeugte Embryonen vor dem Einsetzen in die Gebärmutter auf genetische Schäden untersucht. Wenige Tage nach der Befruchtung, wenn der Embryo aus ungefähr acht bis zwanzig Zellen besteht, werden eine bis zwei Zellen entnommen und analysiert. In vielen Ländern ist die PID schon erlaubt (in Deutschland seit Februar 2014), nun wird auch in der Schweiz über eine entsprechende Gesetzesvorlage abgestimmt. Eine Ablehnung erscheint eher unwahrscheinlich, die Regelung ist eher restriktiv ausgefallen. Trotzdem bietet die Abstimmung eine gute Gelegenheit, nachzuverfolgen wie die ursprünglich ablehnende Haltung zur PID nun umgeschlagen ist. In der Schweiz wurde 1991 und 1998 anlässlich von Volksinitiativen, die ein Verbot der In-Vitro-Befruchtung forderten, über das Thema debattiert. Der Verfassungsartikel 119, dessen Änderung am 14. Juni zur Abstimmung steht, wurde 1992 eingeführt, das geltende PID-Verbot im Fortpflanungsmedizingesetz Art. 5 stammt von 1999 – beide Male auch als Reaktion  auf zwei restriktive Volksinitiativen*. In Deutschland forderte die Enquete-Kommission „Recht und Ethik der modernen Medizin“ des deutschen Bundestages 2002 ein Verbot der PID.

Ein vergleichsweise moderater Redebeitrag von 1991 – gerne wurde von striken IVF-Gegnern u.a. der Homunculus beschwört – kam von CVP-Nationalrat Rolf Seiler:

„Im Grunde genommen geht es gar nicht mehr um die Machbarkeit der Dinge, sondem um die Vertretbarkeit von dem, was gemacht wird oder gemacht werden soll oder gemacht werden darf. Es ist also kein ökonomisches oder technisches, sondem vor allem ein ethisches Problem. Hans Jonas hat einmal geschrieben: «Mit der aufkommenden biogenetischen Kunst wird ein ethisches Neuland betreten, für dessen nie zuvor gestellte Frage wir noch gänzlich unvorbereitet sind.» Die Aufgabe des Gesetzgebers, Leitplanken zu setzen, wird damit zu einer Gratwanderung zwischen der persönlichen Freiheit und der Verrechtlichung ethischer Grundprinzipien. (…) Als Grundsatz könnte etwa dienen: Alles, was dem Leben dient, soll nicht behindert, sondem gefördert werden; was jedoch das Leben gefährdet, dem muss Einhalt geboten werden. Erschwerend kommt jedoch hinzu, dass der Gesetzgeber einmal mehr mit heraushängender Zunge einer rasanten technologischen Entwicklung hinterherrennt. (…) Trotz unseren Bedenken und Vorbehalten aus ethischen Gründen treten wir nicht für ein Verbot sämtlicher Fortpflanzungstechnologien ein.“

Sieben Jahre später, im Jahr 1998, beschloss das Schweizer Parlament nach langer Debatte** ein Verbot der Präimplantationsdiagnostik, unter anderem mit folgenden Argumenten:

„Immerhin sei nochmals in Erinnerung gerufen, dass die Langzeitfolgen der Präimplantationsdiagnostik für den untersuchten Embryo nicht bekannt sind. Das Ablösen einer Zelle vom einzelnen Embryo stellt jedenfalls ein gewisses Risiko dar. Im Extremfall kann er am Eingriff zugrunde gehen. Schliesslich besteht die Möglichkeit, dass ein genetischer Defekt nur in den untersuchten Zellen vorliegt. Solche Mutationen können damit Anlass zu schwerwiegenden Fehldiagnosen sein.“

„Entscheiden wir uns für die Präimplantationsdiagnostik, tun wir einen ersten Schritt in Richtung Unterscheidung zwischen guten Embryonen und schlechten Embryonen.“

„Ohne Verbot der Präimplantationsdiagnostik wird die Schleuse für Kinder nach Mass geöffnet, oder – anders gesagt – die Präimplantationsdiagnostik ist ein Einfallstor für eugenische Überlegungen. (…) Die Präimplantationsdiagnostik geht aber ganz klar einen Schritt weiter, denn sie führt, falls eine Krankheit beim Embryo nachweisbar ist, unweigerlich zur Vernichtung potentiellen Lebens – nicht die betroffene Frau, die in diesem Fall noch kaum eine Beziehung zum Embryo hat, entscheidet. Der Entscheid wird an die Medizin, an die Wissenschaft delegiert. Wenn die Präimplantationsdiagnostik zum Standardverfahren wird, wird die Hemmschwelle immer kleiner werden, Embryonen in vitro nach beliebigen Kriterien zu untersuchen. Die Grenze zwischen erlaubter Prävention und unerwünschter Selektion wird fliessend. Da Therapiemöglichkeiten fehlen, wenn eine schwere Krankheit am Embryo festgestellt wird, wird es immer bei einer Selektion bleiben.

Befürchtungen vor Selektion und Eugenik, Unklarheit betreffend Langzeitfolgen – die Hauptargumente gelten eigentlich immer noch, wiegen aber 17 Jahre offenbar nicht mehr so schwer. Parteien, die damals strikt gegen die PID waren, wie die Grünen oder die Christdemokraten, sind heute dafür. Ähnlich wie im Schweizer Parlament 1998 klingt es im Deutschen Bundestag 2002 – damals traf noch zu was der Schweizer Bundesrat Koller 1998 gesagt hat:

„Über das Wochenende hatte ich Besuch aus dem Ausland und besprach die [PID] auch mit dem österreichischen Justizminister. Er sagte mir, in Österreich und Deutschland sei die Frage wegen der nationalsozialistischen Vergangenheit vorentschieden gewesen: In diesen beiden Ländern habe man das Problem schlicht nicht aufwerfen können, weil sonst sofort die Frage des unwerten Lebens wieder im Raum gestanden wäre. Deshalb habe man in beiden Ländern die Präimplantationsdiagnostik ohne allzu grosse Diskussion verworfen.“ 

Im Bericht der Enquete-Kommission „Recht und Ethik der modernen Medizin“ des deutschen Bundestages von 2002 lehnte nicht unerwartet eine Mehrheit die PID ab, insbesondere wird auch ausgeführt, warum ein Schwangerschaftsabbruch damit nicht vergleichbar sei. Die Argumente gleichen  den oben aufgeführten Zitaten. Insbesondere wird auf die Schutzwürdigkeit des Embryos verwiesen und die Gefahr, dass jenseits der Diagnose schwerer Krankheiten allen möglichen Anwendungen wie bspw. Geschlechtsselektion der Weg geebnet wird. Wie aber voraussichtlich auch in der Schweiz auch hat in Deutschland ein Umdenken stattgefunden und die PID wurde kürzlich zugelassen.

Was zeigt nun diese Entwicklung? Die biomedizinische Forschung und die Anwendungsmöglichkeiten entwickeln sich rasant. Einiges, was früher Science Fiction war, ist schon Realität oder könnte es werden. Kürzlich wurde etwa der Versuch eines gezielten Eingriffes in das Erbgut eines Embryos publiziert. Ja, die PID-Regelung und die Argumente dafür in der Schweiz klingen vernünftig, und es gibt m. E. keinen Grund die Vorlage abzulehnen. Es gilt aber nach wie vor und immer wieder dass der Gesetzgeber mit heraushängender Zunge einer rasanten technologischen Entwicklung hinterherrennt.“ Was heute politisch undenkbar ist, könnte in einigen Jahren gängige Praxis werden – wenn man sich nicht endlich auf die Debatte einlässt und eine Festlegung wagt, was in näherer Zukunft noch legal sein soll und was nicht. Ansonsten wird weiterhin die Technologie einen Status Quo bestimmen, den Politik, Ethik und Recht dann nachträglich zu akzeptieren haben. Und wollen wir wirklich der Wissenschaft soviel Macht und Verantwortung zumuten?

 

* Volksinitiativen „Gegen Missbräuche der Fortpflanzungs- und Gentechnologie beim Menschen“ 1991 und „zum Schutz des Menschen vor Manipulationen in der Fortpflanzungstechnologie“ 1998

**Quellen für die Zitate:
http://www.parlament.ch/ab/frameset/d/n/4514/173968/d_n_4514_173968_174164.htm
http://www.parlament.ch/ab/frameset/d/n/4514/174223/d_n_4514_174223_174252.htm
http://www.parlament.ch/ab/frameset/d/n/4514/174223/d_n_4514_174223_174224.htm
http://www.parlament.ch/ab/frameset/d/n/4514/174478/d_n_4514_174478_174521.htm
http://www.parlament.ch/ab/frameset/d/s/4515/180904/d_s_4515_180904_180909.htm
Sämtliche Links auch unter http://www.parlament.ch/d/suche/seiten/resultate.aspx?collection=AB&gesch_nr=19960058&sort=BDATE&way=desc

So weit weg und uns fremd der Krieg des „islamischen Staates“ (IS) ist, so nah ist er uns. Schlachten werden per Liveticker übertragen; wer will kann die Videos von Enthauptungen westlicher Geiseln im Internet sehen; junge Leute von nebenan reden offenherzig darüber wann und warum sie in den Krieg ziehen werden; ein Video in perfekter Qualität zeigt das Leben in der IS-kontrollierten Stadt Rakka in Syrien, eine Französin dort erklärt ihrer Mutter, dass sie freiwillig in Syrien sei und nicht zurückkommen werde; die Kommunikation zwischen und mit den IS-KämpferInnen geschieht mit der gleichen Technik, mit dem gleichen Facebook oder Skype, das wir auch benutzen*. Trotzdem (oder gerade deswegen?) ist es westlichen Gesellschaften und Regierungen bislang kaum gelungen, das Phänomen IS intellektuell, politisch, kulturell und geschichtlich zu erfassen. Meines Erachtens liegt darin auch die Ursache für den bislang wenig erfolgreichen Umgang mit dieser neuartigen Form von Krieg und Kriegspartei – die in Zukunft vielleicht eher die Regel aus die Ausnahme darstellen werden. In letzter Zeit sind mir drei sehr interessante und erhellende Texte aufgefallen, die eine solche Einordnung des IS versucht haben:

IS: Nicht verschieden, sondern gleich wie wir

Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek vertritt in seinem Text in der „New York Times“ Anfang September die These, dass der IS keineswegs „antimodern“ sei, sondern eine Form von „pervertierter Moderne“, die sich in eine Reihe ähnlicher „konservativer Modernisierungen“ einreiht. Unterstützt wird dies bpsw. durch den sehr modernen PR-Auftritt. Die wesentliche Botschaft von Žižek ist denn auch, dass es sich beim IS eben nicht um Fundamentalisten handelt, sondern dass sie „wie wir sind und dass sie unsere Standards verinnerlicht haben und sich daran messen“.

IS denkt in westlicher Tradition

Ebenfalls im September erschien ein Text mit ähnlicher Richtung im englischen „Guardian“. Wichtig erscheint mir die Feststellung zu Beginn: „Angesichts der extremen Gewalttätigkeit der IS-Kämpfer und der Enthauptungen, ist es einsichtig dass wir versuchen sie als etwas radikal Anderes zu verstehen. Aber das hilft nicht beim Verständnis.“ Im Gegenteil: Der gegenwärtige Dschihad stamme nicht aus der Vergangenheit, sondern sei eine moderne, anti-traditionalistische Entwicklung mit starker Beeinflussung durch westliche politische Geschichte und Kultur. Dazu geht der Autor auf den vom IS-Anführer zitierten indisch-pakistanischen Journalisten und Vordenker des Islamischen Staates Sayyid Abdul Ala Maududi zurück, und dess Auffassung der französischen Revolution, nämlich dass ein Staat auf eine Sammlung von Grundwerten gestützt sei. Und dass entsprechend ein Mensch nur als StaatenbürgerIn denkbar ist, bzw. sich der staatlichen Struktur und ihren Regeln unterwerfen muss, was genau der im Westen üblichen Auffassung von Nationalität entspricht.

Die neuen Partisanen

Die zwei Texte soweit betonen also wie ähnlich in Denken und Traditionen der IS den heutigen westlichen Staaten ist – unabhängig davon wie sich der IS selber darstellt. Ein anderer Ansatz zeigt ein kürzlich erschienener Artikel in der „Zeit“. Ausgehend von Bildern von „Maskenmännern mit Maschinenpistolen“ des IS, aber auch in der Ukraine, wird dargelegt wie sich der IS mit der „Theorie des Partisanen“ von Carl Schmitt beschreiben lässt. Insbesondere wird auf vier individuelle Eigenschaften der Kämpfer eingegangen: Keine offizielle Uniform; eine starke Motivation für eine bestimmte Sache zu kämpfen; hohe Mobilität und Flexbilität, wobei heute noch die professionelle Kommunikation dazukommt; zudem ist er ein „neuer Typus des irregulären Kämpfers“, der „die Aufständischen aller Länder im globalen Kleinkrieg vereinigen sollte“. Dies führe, so wird ein russischer General zitiert, zu „nicht-lineare Kriegen“ mit „ungewohnten Mustern“.
Mit einem eleganten Schwenk – „Das Partisanische tritt heute (…) nicht als militärisches Phänomen, sondern als eine Art psychopolitische Disposition. Als eine innere Haltung, (…) [in der] der Staat und seine Institutionen nicht nur als Objekte der Kritik firmieren, sondern als Feinde, die es zu bekämpfen gilt.“ – kommt der Autor mit dem ganz großen Aufwisch auf die Partisanen unter uns zu sprechen, von der Tea-Party über Montagsdemonstrationen zu Xavier Naidoo: Der IS wird zu einem Musterbeispiel, wie Politik, Konflikte und Auseinandersetzungen da wie dort in Gegenwart und naher Zukunft aussehen werden.

 

*Der Unterschied zwischen IS und bspw. Al-Qaida liegt gerade in dieser Nähe zu uns. Das liegt zu einem guten Teil am Internet und anderen technische Fortschritte, aber längst nicht alleine, wie die hier besprochenen Texte zeigen.

Die Nobelpreis-Saison ist wieder einmal durch – Higgs-Teilchen und zelluläre Transportprozesse, chemische Modell, Kurzgeschichten und Finanzmärkte, wichtige wissenschaftliche Themen der letzten Jahrzehnte wurden gewürdigt. In den Diskussionen unter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, im Netz, in den Medien stehen aber die Bedingungen im wissenschaftlichen Betrieb im Vordergrund , die oft massiv verbesserungswürdig sind.
Hier nun ein doppelt subjektiver Überblick – aus meiner naturwissenschaftlich-biologischer Perspektive – wo die wichtigsten Baustellen sind. Um weitere Punkte und mehr Links bin ich natürlich immer dankbar.

Transparenz und Umgang mit Forschungsresultaten

Öffentlich bezahlte Forschung soll öffentlich zugänglich sein. Ein Artikel im „Guardian“ bringt es auf den Punkt:  Neben den Wissenschaftsverlagen ist sogar Rupert Murdoch ein Sozialist. Resultate von Forschungsarbeiten werden in Fachzeitschriften publiziert, die meist von den drei großen Wissenschaftsverlagen herausgegeben werden. Diese kassieren mehrfach: Jahresabos der Zeitschriften kosten mehrere tausend Euros. Um publizieren zu können, werden Seitengebühren fällig, pro Publikation einige hundert bis mehrere Tausend Euros. Und nicht nur die eigentliche Forschungsarbeit an sich kostet den Verlagen nichts, auch die Prüfung der Artikel durch andere WissenschaftlerInnen (peer-review) ist für sie gratis. In Zeiten des Internets werden solche Zeitschriften kaum mehr gedruckt, sondern nur noch online verbreitet. Die Kosten sind also bescheiden, entsprechend hoch  die Gewinne. Elsevier beispielsweise erzielt eine Umsatzrendite von über 30% und einen Gewinn von über einer Milliarde Dollar – auf Kosten der Öffentlichkeit, die Bibliotheken und Forschungsinstitute finanziert. Entsprechend groß ist der Druck das System zu ändern in Richtung „open access“, d.h. freier Zugang zu Forschungsresultaten (einen guten Überblick zum Thema gibt der Blog von Björn Brembs). Hier stellt sich wohl nicht mehr die Frage ob es open access geben wird, sondern nur noch wie schnell und in welcher Form.

Zunehmende Spezialisierung und immer immer mehr Daten stellen immer höhere Anforderungen an die Speicherung von Informationen und Ergebnissen. „Ein Daten-Tsunami überrollt die Wissenschaften.“ schrieb die FAZ kürzlich – die im Artikel erwähnte Bioinformatik ist ein gutes Beispiel, ist es doch mit neuen Sequenziermethoden möglich, innerhalb weniger Tage Terabytes an Daten zu erzeugen. Der wissenschaftliche Output nimmt ständig zu, entsprechen müssen immer mehr Publikationen, Bücher, digitale Daten eingeordnet, verwaltet und kuratiert werden. Entsprechend braucht es mehr Mittel für Bibliotheken und international koordinierte Anstrengungen, einheitliche Datenbankformate einzuhalten.

Wissenschaft muss erklärt werden. Forschung wird aus öffentlichen Geldern finanziert, und die Menschen interessieren sich was diese WissenschaftlerInnen eigentlich so den ganzen Tag treiben. So selbstverständlich also der Bedarf nach einer offenen, verständlichen (aber nicht vereinfachenden!) und vor allem auch selbstkritischen Kommunikation wissenschaftlicher Tätigkeit ist, so schwierig tun sich noch viele damit. Das Netz bietet so viele Möglichkeiten zur Wissenschaftskommunikation, jetzt müssen sie auch genutzt werden. Es braucht einerseits eine Professionalisierung, d.h. Leute in den Museen und Forschungsinstitutionen die sich ausschließlich und engagiert mit Wissenschaftskommunikation befassen, andererseits müssen die einzelnen WissenschaftlerInnen involviert werden und bereit sein, auch mal aus ihren eigenen Fachzirkel hinauszugehen.

Wie sauber ist die Wissenschaft?Dass die Öffentlichkeit den Plagiatsvorwurf gegen Steinmeier allenfalls schulterzuckend zur Kenntnis nahm, sollte das deutsche Universitätswesen nicht beruhigen. Die meisten Promotionsordnungen sind nur unzureichend auf organisierten Zweifel an der wissenschaftlichen Praxis vorbereitet.“ – so kommentierte die Berliner Zeitung die Zweifel an der Dissertation von SPD-Fraktionschef Steinmeier. Was im Radsport das Doping ist, sind in der Wissenschaft Plagiatsvorwürfe bei Dissertationen, meist von Prominenten. Die Überprüfung und Verteidigung der Integrität und Ehrlichkeit wissenschaftlicher Arbeiten ist auf jeder Stufe notwendig.

Wissenschaftliche Standards, der Wettbewerb unter und der Druck auf die WissenschaftlerInnen. Die persönliche Karriere, die Finanzierung für die nächsten Jahre Forschungsarbeit – was und wie man als ForscherIn publiziert ist existentiell wichtig und nicht nur dem eigenen Ansehen und den eigenen Ambitionen zuträglich (das natürlich auch). Gefühlt nehmen Unregelmäßigkeiten zu, vor allem wenn es um aufsehenerregende Themen geht: Der Skandal um eine Publikation zu embryonalen Stammzellen*, Diskussionen um eine kürzlich erschiene andere Stammzellpublikation, Hinweise dass in prestigeträchtigen Fachzeitschriften häufiger Artikel zurückgezogen werden müssen (zu solchen Rückzügen siehe auch diese umfangreiche Studie). Lässt sich der verschärfte Wettbewerb und der Trend zu „heißen“, bisweilen gehypten Themen  noch vereinbaren mit der für wissenschaftliche Publikationen noch notwendigen Integrität und Qualität? (Kommentare dazu siehe z.B. hier) Wenn WissenschaftlerInnen nur noch an Hand ihrer gesammelten Impact-Factor-Punkte und nicht mehr nach der Qualität ihrer Arbeit beurteilt werden, wird jedes Maß überschritten.

Wissenschaft und Gesellschaft

Nix Elfenbeinturm: Was die Wissenschaft tut, ist für die Gesellschaft von Belang. Fortschritte in der Forschung berühren immer wieder ethische Fragen, zur Zeit vor allem in den Naturwissenschaften. Welche Errungenschaften in der Spitzenmedizin – dank biomedizinischer Forschung in Akademie und Pharmafirmen – kann die Gesellschaft allen bezahlen? Oder wie ein Berliner Chefarzt schreibt, „der Anspruch „Gleiches für Alle“ klingt zwar gut aber auch surreal.“
Tierversuche oder die „grüne Gentechnik“ werden vielleicht nur von kleinen Gruppen bekämpft, trotzdem führte dieser Widerstand beispielsweise dazu dass in Niedersachsen ein Schülerlabor fast geschlossen wurde oder in Italien die Tierversuchsgesetze verschärft wurden. Erstmal seit 20 Jahren werden 2013 in Deutschland keine Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen gemacht.
Unter dem Eindruck der – wesentlich von Wissenschaftlern gemachten – Atombombe schrieb Hannah Arendt 1958 in „The Human Condition“: „Wenn Wissen und Denken nicht mehr Schritt halten, werden wir tatsächlich Sklaven, nicht so sehr der Maschinen, sondern von unserer eigenen Erkenntnis; abhängig von jeder Erfindung die technisch möglich ist, egal wie mörderisch es ist.“** Offenbar sind nicht alle Menschen der Meinung dass die WissenschaftlerInnen wüssten was sie tun. Umso dringender ist es, dass die WissenschaftlerInnen die Folgen ihrer Forschung überdenken und erklären können.

Ausbildung für den (Arbeits-)markt oder für die Akademie? Und ist es richtig, dass immer mehr Leute studieren? Welches Fach jemand studiert, hängt vom persönlichen Interesse und der Zahl der Studienplätze (numerus clausus) ab, nicht davon ob dieses oder jenes Fach vom Arbeitsmarkt gefragt ist. Waren nach dem September 2001 IslamwissenschaftlerInnen gefragt (was dann zu deutlich mehr StudienanfängerInnen führte…) galt in den letzten Jahren die Parole „Mehr MINT!“ – es gebe zuwenig Studierende in Mathematik, Ingenieurwesen, Naturwissenschaften und Technik, dafür zuviele  in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Trotzdem, einen Job finden auch diese AbsolventInnen. In der Schweiz gibt es seit Jahren einen relativ strikt geregelten Zugang zum teuren Medizinstudium, mit der Konsequenz dass es zuwenige Ärzte an den Spitälern gibt. Was ist daraus zu folgern? Zahlenmäßig zu bestimmen wieviele junge Leute was zu studieren haben, scheitert daran dass niemand diese Zahlen wirklich sinnvoll bestimmen kann, zu groß sind die Unsicherheiten über zukünftige Entwicklungen. Zudem gilt es die Freiheit der Wissenschaft und des Studiums zu bewahren. Trotzdem, angesichts der Kosten des Studiums für die Gesellschaft braucht es eine Diskussion über bloße Zahlenwerte hinaus,  wieviele Studienplätze in welchen Fächern möglich und sinnvoll sind.

Anwendungsorientierte Forschung oder Grundlagenforschung? Einerseits wurden in den letzten Jahren viele Ausbildungen „akademisiert“, statt Berufsausbildungen gibt es nun Studiengänge aller Art an immer vielfältigeren Formen von Hochschulen. Andererseits wird von den grundlagenforschungsorientierten Hochschulen und Instituten – m. E.  zunehmend –  eine „anwendungsorientierte“ bzw. ökonomisch verwertbare Forschung verlangt***. Eine klare Trennung von akademischer Lehre und Forschung auf der einen Seite und Berufsausbildung bzw. Produktentwicklung kann und muss nicht geben, es braucht aber Entscheidungen in welche Bereiche der Staat wieviel Geld investiert.

Arbeitsverhältnisse

(Viele Zahlen in diesem Abschnitt stammen aus der Studie „Zur Situation der Forschung an Deutschlands Hochschulen – Aktuelle empirische Befunde“ der Expertenkommission Forschung und Innovation.)

Befristete Stellen und Teilzeitlohn bei voller Arbeit prägen das Arbeiten in der Wissenschaft. „Jedes Jahr gibt es einen neuen Vertrag und jedes Mal die vage Hoffnung auf eine Dauerstelle.“  wird ein Molekularbiologe zitiert. Vier Fünftel der WissenschaftlerInnen sind befristet angestellt, häufig auch nur für ein Jahr oder weniger. Ja, die Freiheit der Wissenschaft und der WissenschaftlerInnen hat ihren Preis. Ja, die Unsicherheit kann ein Anreiz sein. Wenn unsichere Beschäftigungsverhältnisse aber Leute abschrecken (mehrheitlich bei Frauen, aber nicht nur), sollte eigentlich klar sein, dass etwas schief läuft. Zudem wird die „Befristungsgrenze“ immer mehr nach oben verschoben, auch über 40jährige sitzen mittlerweile oft auf befristeten Assistenzprofessur- oder Junior-Groupleader-Stellen mit unsicherer Zukunft: Von 3100  Professorenstellen die zwischen 2005 und 2010 geschaffen wurden, sind 80% befristet (EFI-Studie S. 16). Unbefristete Stellen in den akademischen Betrieben – neben den wenigen vollwertigen Professuren – gibt es zumindest in den deutschsprachigen Ländern fast nur noch in Administration und Kommunikation.

Für eine wissenschaftliche Karriere gilt fast ausschließlich „top oder flop“ – entweder eine Professur, oder der Ausstieg aus der (akademischen) Wissenschaft. Denn Stellen unterhalb einer Professur gibt es kaum. Es ist schlicht eine Vergeudung von Talent und jahrzehntelang ausgebildetem Personal, wenn sich die Leute nach 12 Jahren Schule, 10 Jahre Uni/Doktorat und noch mehr sich aus der Wissenschaft verabschieden (siehe auch die eben erschienene Studie „Aufstieg oder Ausstieg?“). Deutschland und die Schweiz sind Spitzenreiter beim Anteil befristeter Stellen an Universitäten, in England und den Niederlande gibt es deutlich mehr fest angestelltes Personal (EFI-Studie S. 166). Frankreich hat zudem die festangestellten „chercheurs CNRS“.

In einer Welt der befristeten Arbeitsverhältnisse, in der die Karriere oft von Beziehungen und Referenzen abhängt, entstehen Abhängigkeiten. Es gibt krassere Beispiele die auch an die Öffentlichkeit gelangen, aber die sind nur die Spitze des Eisbergs. Wer denkt es gehe bei wissenschaftlichen Karrieren nur um lautere wissenschaftliche Leistungen, irrt jedenfalls.

Mehr Frauen. Je höher die Karrierestufe, desto kleiner der Frauenanteil (Studie „Aufstieg oder Ausstieg?“, Seite 34) – das ist schlicht eine Verschwendung von Talenten.

Arbeiten in der akademischen Grundlagen ist und bleibt ein – mit Steuergeldern finanziertes – Privileg. Eine motivierende Arbeit und viel Freiheit gibt es nicht überall. Dafür werden aber relativ bescheidene Gehälter, ein extrem kompetitives Umfeld und wenig Freizeit in Kauf genommen. Prekäre Arbeitsverhältnisse hingegen sind schlicht unsinnig. Verbesserungen scheitern jedenfalls nicht am Geld – siehe der Stellenzuwachs in der erwähnten Studie, sondern wohl schlicht am Mangel an gutem Willen und Ideen.

Finanzierung und Exzellenz

Exzellenz oder breite Finanzierung? Deutschland verfolgt mit der Exzellenzinitiative (knapp eine halbe Milliarde € pro Jahr) und den großzügig finanzierten außeruniversitären Forschungsinstitutionen explizit das Ziel einer Förderung einzelner Forschungsbereiche und Institute (in der Schweiz ist das Vorgehen mit den durchwegs besser als die Universitäten alimentierten ETHs implizit ähnlich). Das erlaubt Spitzenforschung an ausgewählten Orten, zum Preis teilweise sehr schlechter Bedingungen an den immer volleren Universitäten. Überall perfekte Bedingungen zu bieten ist unmöglich. Ob Exzellenzstrategien Qualität und Vielfalt von Forschung und Lehre in der Breite nachhaltig schwächen, und damit auch der Spitzenforschung die Basis entziehen, wird sich zeigen.

Eine ähnliche Frage stellt sich auf europäischer Ebene. Die Finanzkrise hat die schwierige Lage der südeuropäischen  Forschungsinstitutionen innerhalb Europas  verschärft, womit sich der brain-drain Richtung Norden noch verstärkt. Gelder aus kompetitiven Forschungsförderungsprogramme der EU – um sieben Milliarden Euro pro Jahr – fließen dadurch weniger in die Krisenländer. Aus dem jetzt auslaufenden Siebenjahresplan sind beispielsweise in die Niederlande mehr Förderung ausbezahlt worden als nach Italien (255 vs. 227 Mio., bei einem Bevölkerungsverhältnis von 17 zu 61 Millionen). Auch hier ist schwierig abzuschätzen was diese Entwicklung langfristig bedeutet.

Bei knappen Finanzen werden Hochschulen kreativ. Öffentliche Drittelmittel (SNF, DFG, EU usw.) sind das eine, bei Spenden von Firmen kann es vielerlei Schwierigkeiten geben, wie die Universität Zürich kürzlich erlebt hat. Wie die Freiheit der Forschung mit den Interessen der Geldgeber vereinbart werden können, ist unklar – sehr kritisch gab sich ein eben erschienener Kommentar im „Focus“.

Fazit

Es steht einiges auf dem Spiel: Sehr viel Geld, ethische Fragen, wissenschaftliche Integrität, Karrieren,  Hochschulbildung. Strukturen und Rahmenbedingungen in der Wissenschaft sind oft sehr träge oder entwickeln sich eher zufällig, und nicht immer zum Besseren. Meines Erachtens braucht es viel mehr Engagement aller Beteiligten in der Wissenschaftspolitik, national wie international – und auch endlich ein Einsehen, dass es vielerorts nicht mehr so weitergehen kann wie bisher.

Anmerkungen

* Interessant dass der Artikel bei der SZ im Ressort „Politik“ abgelegt ist – ist das nicht mehr „Wissenschaft“?
** University of Chicago Press, 1958, Seite 3
*** Siehe zB diesen interessanten Tagungsbericht zum Thema: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3601

Über das Wir

3. August 2013

„Das Wir entscheidet“ ist der Wahlkampfslogan der SPD, und er kommt nicht gut an. Lustigere Verballhornungen („Das Bier entscheidet“) sind das eine, die übliche Reaktion ist politischer Sarkasmus à la „Das Wir entscheidet, das Du bezahlt“ und generelles Unverständnis über die Vorstellung, dass so etwas wie eine Gesellschaft oder gar, hui!, „der Staat“ etwas Gutes sein könnte. Diese eigentliche Staats- und Gesellschaftsfeindlichkeit ist nach 30 Jahren Neoliberalismus mittlerweile so Mainstream geworden, dass ein Wirtschaftsphilosoph in der „Welt“ völlig undurchdacht und vorurteilsbeladen gegen „die Gleichheit“ vom Leder ziehen kann. Neben der üblichen Politikfeindlichkeit wie „[Die Parteprogramme] schreiben junge Ideologen ohne Lebenserfahrung“ oder „[Die Bemühung der politischen Parteien,] möglichst viele soziale oder ökonomische Probleme, Notstände, Ungerechtigkeiten, Benachteiligungen und Opfergruppen jeder Art aufzuspüren“, ist da zu lesen:

„Ungleich ist offenbar immer „ungerecht“. Alle Menschen sollen unabhängig von ihrer konkreten kulturellen Geprägtheit, ihrer gegebenen oder erworbenen Persönlichkeitsstruktur „gleich anerkannt“ werden, der sozial abgestürzte Obdachlose oder Erfolglose gleich dem erfolgreichsten Unternehmer oder Künstler: „gleiche Anerkennung, gleiche Sicherheit, gleiche Chancen“, wie es im Wahlprogramm der „Grünen“ heißt.“

Mit Verlaub: Das ist schlicht eine traditionelle, höchst konservative Weltanschauung. Der Autor zitiert ironischerweise für seine Positionen einen der Väter des Konservativismus, den Engländer Edmund Burke (1729-1797) – der 1790 eigentlich schon eine Kurzfassung heutiger SPD-Positionen geliefert hat:

„Wenn die zivile Gesellschaft für den Vorteil der Menschen gemacht ist, hat der Mensch ein Anrecht auf alle diese Vorteile. Die Gesellschaft ist eine wohltätige Institution, das Gesetz ist nur wohltätig, wenn es nach Regeln handelt. Menschen haben ein Recht, nach diesen Regeln zu leben; sie haben ein Recht auf Gerechtigkeit (…). Sie haben ein Recht auf die Früchte ihrer Arbeit (…). Was immer ein Menschen tun kann, wenn er keine anderen Menschen beeinträchtigt, so ist es sein Recht es zu tun. Und der Mensch hat ein Recht auf einen gerechten Anteil auf alles, was die Gesellschaft, mit ihren Fähigkeiten und ihrer Macht, für ihn bereitstellt.“ *

Das zeigt: Die, die sich heute konservativ nennen, sind es nicht. Ihre Ideologie ist die des Neoliberalismus, der mit Thatcher glaubt es gäbe „no such thing as society“, des Alle-gegen-Alle, der Staat, Gesellschaft, und vor allem auch die Politik möglichst zurückdrängen will, auf dass das Recht des Stärkeren gewinnt. Was die SPD und ihr Slogan „Das Wir entscheidet“ dem gegenüberstellen will, ist natürlich nicht der Konservativismus alter Schule. Aber eine Rückkehr zur konservativen Idee, dass das Individuum Teil der Gesellschaft ist, seinen Beitrag an das Wohlergehen der Gesellschaft zu leisten hat, und dafür auch Unterstützung von der Gesellschaft erhält.

Vielleicht müssen wir einfach etwas altmodischer werden?

* Quelle: Edmund Burke, „Reflections on the Revolution in France, And on the Proceedings in Certain Societies in London Relative to that Event.“, http://books.google.de/books?id=TtUuAAAAMAAJ (Seite 87)

Gestern ist in der „Welt“ ein Artikel über Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erschienen, die auf social media aktiv sind – da ist von „weißhaarige Männern mit Brille, Bart und einem älteren Handy“ einerseits, und von 27jährigen Biologinnen mit buntem Kleid andererseits die Rede. Letztere, zack, versehen Doktorandinnen und Doktoranden mit Twitter-Accounts, erstere grummeln in der letzten Reihe vor sich hin. Schon in den ersten Zeilen also alle Klischees auf den Tisch gelegt – weiter geht es dann mit dem Nutzen von social-media-Kenntnissen für die wissenschaftliche Karriere, von allerlei Blogs, lustigen Hashtags, und wie Twitter-Diskussionen über Bakterien zu gemeinsamen Studien führen. Hervorragend, da kann ich mich als Wissenschaftler mit Twitter-Account und einiges an social-media-Erfahrung ja geschmeichelt fühlen und in eine wonnige Zukunft blicken.

So ist es natürlich nicht – im Gegenteil, die zunehmende Anzahl Artikel zu Forschung&social media ist für mich vor allem ein unkritischer Hype. Erstens, effiziente Wissenschaftskommunikation, die viele Menschen auf sinnvolle Art und Weise erreicht, findet nach wie vor im realen Leben statt (und Kontakte mit anderen ForscherInnen in Seminaren und auf Konferenzen). Die Lange Nacht der Wissenschaft in Berlin hat beispielsweise mehrere zehntausend Menschen angezogen. Auch wenn beispielsweise auf Twitter unter #LNDW einiges los war, mehr als einige Dutzend Menschen haben das wohl nicht gemerkt. Auf dem Campus Buch (wo „mein“ MDC steht) waren einige Tausend Menschen, und nur eine gute Handvoll davon auch auf Twitter. Dass Twitter eine schöne Filterblase ist, in der sich wunderbar mit seinesgleichen und JournalistInnen diskutieren lässt, ist ja nichts neues. Und so zu tun als ob Twitter oder andere, auch wissenschaftsspezifische soziale Netzwerke, ein großer Schritt für die Vernetzung der Forschung seien, ist jenseits von gut und böse. E-Mail ist seit den frühen 1980ern Standardkommunikationsmittel für WissenschaftlerInnen aus aller Welt. Und, obwohl ich auch auf Twitter schon Bioinformatik-Hilfe erhalten habe und auch auf ResearchGate Fragen beantwortet werden, wichtigste Ressource sind immer noch bspw. old style 90er-Jahre-Foren wie seqanswers.com

Zweitens haben wissenschaftliche Blogs und online-Aktivitäten meines Erachtens manchmal etwas viel PR-Charakter. Das ist auch nicht verwunderlich – die eigene Internetpräsenz als Eigenwerbung für die Karriere, der Druck gut zu publizieren und Grants einzuwerben; große Wissenschaftsorganisationen und Institute die unter permanentem Zwang stehen, öffentliche und private Gelder einzuwerben und dafür „gute PR“ und ein günstiges Bild in der Öffentlichkeit brauchen: In einem solchen Umfeld hat die für gute Wissenschaft essentielle Selbstkritik und Reflexion wenig Platz.

Damit man mich nicht missversteht: Wissenschaft muss den Menschen besser nahebringen, was sie den ganzen Tag so tut. Es ist daher völlig richtig, dass beispielsweise in EU-Grants mehr „outreach“-Aktivitäten gefordert werden. Auch Grundlagenforschung hat großen Einfluss auf die Gesellschaft, und kostet nicht zuletzt eine Menge (öffentliches) Geld, das man auch anderswo verwenden könnte. Gerade deswegen muss Wissenschaftskommunikation aber immer  wissenschaftlichen Grundsätzen treu bleiben: Kritisch hinterfragen, ob die eigene Forschung in die Richtung geht. Hohe Standards, wie ein Experiment durchgeführt und wie darüber berichtet wird. Diskussionen und Widerspruch nicht aus dem Weg gehen, sondern im Gegenteil zum Bestandteil der eigenen Publikationstätigkeit machen. Ein gutes Beispiel übrigens ist für mich die lebhaft und kontrovers geführte Debatte über open access (siehe z.B. der Beitrag von Erin McKiernan).

Und vor allem: Wenn man mit den Menschen über Wissenschaft sprechen will, muss man dahin gehen wo Menschen sind. Online ist einzig Facebook sinnvoll, weil es mit Abstand das bestgenutzte soziale Netzwerk ist (auch wenn die meisten Facebook-Seiten von Forschungsinstitutionen kaum Publikum anziehen). Und sonst muss der Fokus auf vielleicht nicht so hippe, aber dafür umso effizientere Vor-Ort-Aktivitäten wie eben lange Nächte der Wissenschaft oder traditionelle Medienarbeit liegen. Denn nur so kann man einem wirklich maßgebenden Teil der Bevölkerung Wissenschaft näher bringen, statt einen neuen Elfenbeinturm zu eröffnen.

Kürzlich erschien in der englische Zeitung „The Guardian“ ein Bericht einer Journalistin, die ihr gesamtes Genom sequenzieren ließ (die deutsche Übersetzung war letzte Woche im „Freitag“ zu lesen und wird wohl bald auf freitag.de erscheinen ist auf freitag.de zu finden). Kurz zusammengefasst: Mit dem Abgleich von Veränderungen im Genom mit bekannten wissenschaftlichen Daten lassen sich gewisse Vorhersagen treffen wie anfällig jemand beispielsweise auf bestimmte Krankheiten ist. Berühmt geworden ist das Beispiel von Angelina Jolie, die sich ihre Brüste abnehmen ließ, nachdem ein Gentest gezeigt hat, dass sie eine höhere Wahrscheinlichkeit hat an Brustkrebs zu erkranken.*

Die Information über das eigene Genom sind höchst persönliche Daten, mit denen sensibel umzugehen ist. Und damit gehört das Thema zu den aktuellen Diskussionen um Überwachung, Datenschutz, Prism oder Vorratsdatenspeicherung. Wie weiter also in der Zeit von „Big Data“, da es möglich geworden ist, gigantische Datensätze mit persönlichen Informationen zu speichern, zu überwachen, auszuwerten? Wie umgehen mit dem „neuen Gold des Informationszeitalter“?  Klar ist: Das Unbehagen über die Datenmengen und den Umgang damit ist groß. Unklar hingegen ist, was mit solchen Daten schon geschehen ist, welche Auswertungen durch wen möglich sind, was damit erreicht werden kann. Die Bundesregierung scheint nicht einmal in der Lage zu sein, die richtigen Fragen zu stellen, wenn es um die amerikanischen oder britischen Spionageprogramme geht, geschweige denn zu verstehen was hier alles auf dem Spiel stehen könnte. Facebook führt den social graph search ein, mit der jede persönliche Information in ein allumfassendes, durchsuchbares Netzwerk fließt; während  viele Facebook-User wohl schon jetzt mit den Privatsphäreeinstellungen überfordert sind, sind die jetzt eilig herumgebotenen Erklärungen wie man sich vor dem graph search „schützen“ kann, noch komplizierter. Die englische Journalistin mit dem sequenzierten Genom fürchtet, dass ihre Erbinformation, bei Amazon in der cloud gespeichert, gehackt werden könnte. Und beschließt schlussendlich, nicht alles wissen zu wollen, was in ihrem Genom an Informationen drin ist: „It’s possible that I could look it up. But when it comes down to it, I decide not to. I’m beginning to see the point of the don’t-want-to-knows. It’s all about risk and probabilities and all the information suggests that as humans we just aren’t that good at understanding them or relating them to our own lives.“

Wissenschaftlicher und technischer Fortschritt gehen nicht selten schneller voran als die Einordnung, welche Folgen dieser Fortschritt haben könnte („Technikfolgenabschätzung“ ist als Forschungszweig eher neueren Datums). Wissenschaft und Erkenntnis wird vorangetrieben durch Enthusiasten wie den im Artikel zitierten Genetiker Ron Zimmern, der optimistisch meint: „I wish people would understand how amazing and revolutionary this science is. How exciting it is. How the NHS’s 100,000 genome project has extraordinary potential.“ – und das ist im Prinzip auch gut, denn nur so kann neue Erkenntnis gewonnen werden. Trotzdem, wenn der Fortschritt das Labor verlässt, braucht es mehr als Enthusiasmus und Optimismus. Bei gewissen Anwendungen muss die Gesellschaft wie die einzelne Person sagen – nein, obwohl Google superpraktisch ist um alle meine Daten zu organisieren, ich mache das nicht. Und nein – wir sequenzieren auch nicht alle Neugeborenen, obwohl das in wenigen Jahren für einen Apfel und ein Ei möglich sein wird. Zudem bräuchte es eine gewisse Verantwortung der Entwickler und Forscherinnen, nicht alles voranzutreiben was geht – um nicht vielleicht Jahre später ein schlechtes Gewissen zu haben wie einst Robert Oppenheimer, einer der Miterfinder der Atombombe.

Solche Einschränkungen – zur Not auch mit Gesetzen – haben nichts mit Technikfeindlichkeit oder Unfreiheit zu tun. Im Gegenteil. Rationale Verwendung von technischem Fortschritt und Freiheit äußern sich genau darin, sich einzugestehen, dass uns die selbst geschaffene Komplexität überfordert. Und dass wir daher als Individuum wie als Gesellschaft nicht alles machen können und müssen, was möglich ist. Vielleicht kann daraus ein Leitgedanke für das „Informationszeitalter“ werden?

*Auch wenn die Veränderungen im Genom von Bedeutung sind, hat die Forschung gerade in der Zeit nach der vollständigen Entschlüsselung des menschlichen Genoms vor 13 Jahren gezeigt, wie entscheidend schon auf molekularer Ebene andere Faktoren sind, nachzulesen etwa unter dem Stichwort Epigenetik.