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Seit einigen Tagen kursieren zahlreiche wilde Theorien über das neue Coronavirus, bspw. dass es „menschengemacht“ sei und absichtlich oder aus Versehen freigesetzt wurde. Weit und schnell verbreitet hat sich gestern die Idee, dass Teile von einem Gen des neuen Coronavirus aus dem AIDS-Virus (HIV) stammen, was als Beweis genommen wurde, dass das Virus im Labor zusammengebaut wurde. Ursprung war dieser „preprint“*, der, wie ich hier kurz zeige, ziemlich absurde und schlechte Wissenschaft ist.

Was wurde gemacht? Die Studie schaut ein bestimmtes Virusprotein an, das „Spike“-Protein, das auf der Oberfläche von Viruspartikeln ist und an bestimmte Proteine an menschlichen Zellen bindet. Verglichen wird das Spike-Protein vom neuen Coronavirus mit dem des SARS-Virus, ein verwandtes Coronavirus, das 2002/2003 eine Epidemie ausgelöst hat.

Protein bestehen aus 20 Aminosäuren**. Ein Protein kann man sich daher als „Text“ aus 20 Buchstaben vorstellen, im Bereich 100-2000 Buchstaben lang. Im Vergleich zu SARS sind beim neuen Coronavirus an vier Stellen zwischendrin 4-8 lange Buchstabenfolgen dazugekommen – wie wenn in einem Text zusätzliche Wörter eingefügt werden. Diese „Inserts“ findet man auch in HIV-Proteinen, woraus dann gefolgert wird, dass die „irgendwie“ übertragen wurden.

Einerseits sind diese „Inserts“ in ganz vielen Proteinen von ganz verschiedenen Wesen zu finden. Das ist bei kurzen Sequenzen nicht überraschend – das Wort „überraschend“ findet sich ja auch in Millionen von Büchern. Andererseits zeigt auch ein Vergleich des Spikeproteins des neuen Coronavirus (YP_009724390 im Bild unten) mit den Spikeproteinen von zwei Fledermaus-Coronaviren (AVP78042 und WHR63300), dass Inserts an diesen Stellen auch in diesen beiden Viren zu finden sind:

Spikeprotein_alignements

Was sieht man da? Wenn die Proteine gleich sind, sind die Buchstaben rot. Das ist vor allem im zweiten Teil so. Das bedeutet also, dass die zweite Hälfte des Spikeproteins „evolutionär besser konserviert“ ist. Das Erbgut von Viren verändert sich sehr schnell, im Bereich von Wochen. Teile, die sich nicht verändern, sind wichtig für die Funktion, es besteht „Evolutionsdruck“ darauf. Das ist nicht der Fall für die erste Hälfte des Proteins, wo viel blau und schwarz zu sehen ist, die Proteine der verschiedenen Viren sind sich da also wenig ähnlich. Diese Bereiche verändern sich sehr schnell, Buchstaben werden ausgetauscht und ganze Wörter eingefügt. Die Inserts sind also insbesondere in Fledermausviren, und nicht komplett neu.

Zusammengefasst: dieser Vergleich stützt die gängige These, dass das neue Virus weniger ein „neues SARS“ ist, sondern direkt oder indirekt aus Fledermäusen übertragen wurde. Das wird auch durch die letzten 15 Jahre Coronavirus-Forschung gestützt. Die Hypothese, dass die „Inserts“ aus HIV stammen ist, wie vieles in der Biologie, nicht komplett unmöglich, aber sehr weit hergeholt und vor allem durch die verfügbaren Daten eher widerlegt als gestützt.

 

* „Preprints“ sind nicht begutachtete wissenschaftliche Artikel, die bspw. auf Plattformen wie bioRxiv publiziert werden. Sie haben sich in den letzten Jahren als sehr wertvoll erwiesen für die Wissenschaft; wir veröffentlichen unsere Studien auch dort, bevor sie dann später, begutachtet, in einem Fachjournal erscheinen. Das Beispiel hier zeigt aber auch die Schwächen des Systems.

** Es gibt noch einige Spezialfälle, aber im Wesentlichen sind alle Proteine aller Wesen auf diesem Planeten aus diesen 20 Aminosäuren aufgebaut.

Gestern ist in der „Welt“ ein Artikel über Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erschienen, die auf social media aktiv sind – da ist von „weißhaarige Männern mit Brille, Bart und einem älteren Handy“ einerseits, und von 27jährigen Biologinnen mit buntem Kleid andererseits die Rede. Letztere, zack, versehen Doktorandinnen und Doktoranden mit Twitter-Accounts, erstere grummeln in der letzten Reihe vor sich hin. Schon in den ersten Zeilen also alle Klischees auf den Tisch gelegt – weiter geht es dann mit dem Nutzen von social-media-Kenntnissen für die wissenschaftliche Karriere, von allerlei Blogs, lustigen Hashtags, und wie Twitter-Diskussionen über Bakterien zu gemeinsamen Studien führen. Hervorragend, da kann ich mich als Wissenschaftler mit Twitter-Account und einiges an social-media-Erfahrung ja geschmeichelt fühlen und in eine wonnige Zukunft blicken.

So ist es natürlich nicht – im Gegenteil, die zunehmende Anzahl Artikel zu Forschung&social media ist für mich vor allem ein unkritischer Hype. Erstens, effiziente Wissenschaftskommunikation, die viele Menschen auf sinnvolle Art und Weise erreicht, findet nach wie vor im realen Leben statt (und Kontakte mit anderen ForscherInnen in Seminaren und auf Konferenzen). Die Lange Nacht der Wissenschaft in Berlin hat beispielsweise mehrere zehntausend Menschen angezogen. Auch wenn beispielsweise auf Twitter unter #LNDW einiges los war, mehr als einige Dutzend Menschen haben das wohl nicht gemerkt. Auf dem Campus Buch (wo „mein“ MDC steht) waren einige Tausend Menschen, und nur eine gute Handvoll davon auch auf Twitter. Dass Twitter eine schöne Filterblase ist, in der sich wunderbar mit seinesgleichen und JournalistInnen diskutieren lässt, ist ja nichts neues. Und so zu tun als ob Twitter oder andere, auch wissenschaftsspezifische soziale Netzwerke, ein großer Schritt für die Vernetzung der Forschung seien, ist jenseits von gut und böse. E-Mail ist seit den frühen 1980ern Standardkommunikationsmittel für WissenschaftlerInnen aus aller Welt. Und, obwohl ich auch auf Twitter schon Bioinformatik-Hilfe erhalten habe und auch auf ResearchGate Fragen beantwortet werden, wichtigste Ressource sind immer noch bspw. old style 90er-Jahre-Foren wie seqanswers.com

Zweitens haben wissenschaftliche Blogs und online-Aktivitäten meines Erachtens manchmal etwas viel PR-Charakter. Das ist auch nicht verwunderlich – die eigene Internetpräsenz als Eigenwerbung für die Karriere, der Druck gut zu publizieren und Grants einzuwerben; große Wissenschaftsorganisationen und Institute die unter permanentem Zwang stehen, öffentliche und private Gelder einzuwerben und dafür „gute PR“ und ein günstiges Bild in der Öffentlichkeit brauchen: In einem solchen Umfeld hat die für gute Wissenschaft essentielle Selbstkritik und Reflexion wenig Platz.

Damit man mich nicht missversteht: Wissenschaft muss den Menschen besser nahebringen, was sie den ganzen Tag so tut. Es ist daher völlig richtig, dass beispielsweise in EU-Grants mehr „outreach“-Aktivitäten gefordert werden. Auch Grundlagenforschung hat großen Einfluss auf die Gesellschaft, und kostet nicht zuletzt eine Menge (öffentliches) Geld, das man auch anderswo verwenden könnte. Gerade deswegen muss Wissenschaftskommunikation aber immer  wissenschaftlichen Grundsätzen treu bleiben: Kritisch hinterfragen, ob die eigene Forschung in die Richtung geht. Hohe Standards, wie ein Experiment durchgeführt und wie darüber berichtet wird. Diskussionen und Widerspruch nicht aus dem Weg gehen, sondern im Gegenteil zum Bestandteil der eigenen Publikationstätigkeit machen. Ein gutes Beispiel übrigens ist für mich die lebhaft und kontrovers geführte Debatte über open access (siehe z.B. der Beitrag von Erin McKiernan).

Und vor allem: Wenn man mit den Menschen über Wissenschaft sprechen will, muss man dahin gehen wo Menschen sind. Online ist einzig Facebook sinnvoll, weil es mit Abstand das bestgenutzte soziale Netzwerk ist (auch wenn die meisten Facebook-Seiten von Forschungsinstitutionen kaum Publikum anziehen). Und sonst muss der Fokus auf vielleicht nicht so hippe, aber dafür umso effizientere Vor-Ort-Aktivitäten wie eben lange Nächte der Wissenschaft oder traditionelle Medienarbeit liegen. Denn nur so kann man einem wirklich maßgebenden Teil der Bevölkerung Wissenschaft näher bringen, statt einen neuen Elfenbeinturm zu eröffnen.

(aktualisiert am 26. 1.)

Nach dem Stern-Artikel über Rainer Brüderle, der eine Journalistin belästigt hat, schreiben sehr viele Frauen unter #Aufschrei auf Twitter über ihre Erlebnisse mit männlichem Alltagssexismus. Einige lesenswerte Texte (wenn auch mit unterschiedlicher Ausrichtung) zum Thema sind unten aufgelistet.

Grundvoraussetzung für wirkliche Gleichstellung ist ein respektvoller und höflicher (aber nicht verkrampfter) Umgang auf Augenhöhe zwischen Männern und Frauen im Alltag. Es ist sehr erfreulich, wie breit das Thema nun diskutiert wird. Das bedeutet natürlich nicht, dass nun ab Montag nächster Woche alles perfekt sein wird. Aber alles was jetzt geschrieben und diskutiert wird, ist hoffentlich ein kleiner Schritt in die richtiger Richtung. Und trägt die Debatte ein wenig mehr in die ganze Gesellschaft hinein, anstatt nur die üblichen Verdächtigen zu beschäftigten. Denn auch wenn die Gleichstellung schon viel weiter ist als je, es wäre gefährlich wegen all dieser Metrosexuellen- und Softiemännerdebattengeschichten oder sonstwie zu denken, Männer und Frauen würden nun und in alle Ewigkeit in Friede und Freude zusammenleben. Patriarchalisches Denken und unangebrachtes Machoverhalten ist noch immer verbreitet, entsprechend mangelt es Männern immer wieder an Respekt und Anständigkeit gegenüber Frauen – die Beispiele unter #Aufschrei zeigen dies deutlich.

Auch wenn die Brüderle-Geschichte der Auslöser war, man muss diese Alltagssexismus-Debatte von der Diskussion um Macht, Allmacht und Kampagnenfähigkeit großer Medien trennen. Die Macht und Unangreifbarkeit von BILD und Konsorten kann aber, hat man hier schön und deutlich gesehen, durch diese neue Internet-Öffentlichkeit (siehe dazu den Beitrag auf netzwertig.com) etwas relativiert werden.

Eine kleine Auswahl von Texten zum Aufschrei: