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Berlinale – meine Auslese

16. Februar 2015

Berlinale ist wenn man in zehn Tagen neun Filme sieht… Hoffentlich kommen möglichst viele davon ins Kino, denn mehr oder weniger alles was ich gesehen habe kann ich auch empfehlen:

Al-Hob wa Al-Sariqa wa Mashakel Ukhra (Love, Theft and Other Entanglements)
Amüsante und ergreifende Geschichte um einen Palästinenser, der sich aus Versehen einen gekidnappten israelischen Soldaten aufbürdet – und so zur Zielscheibe von beiden Seiten wird. Im Film-Noir-Stil in Schwarz-Weiß gedreht, mit einigen Längen da und dort.

Sume – Mumisitsinerup Nipaa (Sumé – The Sound of a Revolution)
Gleichzeitig ein sehr schöner Musik- bzw. Band-Dokumentarvideo und ein starker Film über die Unabhängigkeit Grönlands in den 1970er Jahren. Sehr empfehlenswert!

Queen of the Desert
Verspricht sehr viel, übergießt aber alles mit so viel Schmalz, dass es stellenweise lächerlich wird… Dank der schönen Bildern aber prima für einen verregneten DVD-Sonntagnachmittag.

600 Millas (600 Miles)
Eine Tarantino-Geschichte im hyperrealistischen Anti-Tarantino-Stil: Der Boss der Waffenschmuggler wäscht sein Geschirr selber ab, wer gut und böse ist lässt sich nicht entscheiden, und Autofahren ist und bleibt langweilig. Kling ruhig, ist ruhig, trotzdem zu Recht Preisträger für den besten Erstlingsfilm.

Dari Marusan
Eine Geschichte um Außenseiter der japanischen Gesellschaft, manchmal berührend, manchmal brutal, manchmal sehr fremd. Sehenswert auf jeden Fall.

Abaabi ba boda boda (The Boda Boda Thieves)
Inspiriert vom italienischen Film „Ladri di Biciclette“ von 1948, und genauso gut. Angesiedelt in Kampala, Uganda, mit einem Hauptdarsteller, der wie seine Figur im Film zur Zeit auch im Gefängnis sitzt…

Mariposa (Butterfly)
Was wäre wenn? Ein Säugling wird ausgesetzt, oder auch nicht. Wie die Geschichte zwanzig Jahre später weitergeht wird parallel, mit oft sehr starken Überblendungen gezeigt. Das ist manchmal verwirrend, aber sehr packend.

Taxi
Der Film hat den goldenen Bären auch deswegen erhalten, weil der Regisseur im Iran gefangen gehalten wird. Aber vor allem weil es ein äußerst amüsantes, mitreissendes Werk – unbedingt hingehen!

Chrieg
Die „Tageswoche“ hat geschrieben es sei „ein Film wie ein Tritt in die Magengrube“, und das ist er auch. Sehenswert!

Kürzlich, beim Spielen mit den kleinen Jungs eines Freundes (mit Bagger und Lastwagen, natürlich) erwähnte der junge Vater eine Studie, die zeigt dass Rhesusaffen abhängig vom Geschlecht lieber Spielzeuge aus Plüsch oder solche mit Rädern (eben, Bagger und Lastwagen) in die Hand nehmen. Männliche Affen bevorzugten demnach letzteres deutlich. Ungefähr gleichzeitig postete jemand auf Facebook ein Interview mit einer Professorin für Geschlechterforschung. Sie äußert Kritik an eben solchen Studien, die einen biologischen Einfluss auf geschlechterspezifisches Verhalten zeigen – „Da müsste man genau schauen, wer diese Studie wie gemacht hat.“ Und, wie leider sehr häufig, wenn jemand aus der Genderforschung in den Medien kommt, gab es eine ganze Menge schrecklicher Kommentare. Unter anderem postete „L Trachsel“, dass naturwissenschaftliche Studien eben viel genauer seien (bzw. weniger Variabilität aufweisen) als soziologische. Nun denn, alles Gründe die Studie mit den Rhesusaffen genauer zu untersuchen – vor allem da solche Ergebnisse sehr oft in die Medien kommen (bspw. SPON oder taz) oder auch mal als Waffe verwendet werden dass Gender-Mainstreaming des Teufels sei.

Die Art und Weise wie die Affen genau untersucht wurden und die Daten aufgenommen wurden kann ich natürlich nicht beurteilen. Ich konzentriere mich daher auf die Messwerte an sich und ihre statistische Beurteilung. Die Seitenzahlen beziehen sich auf dieses Dokument: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2583786/pdf/nihms64461.pdf

  • Auffällig ist, und dies erschwert eine tiefergehende Beurteilung, ist dass die einzelnen Messwerte (wie oft die einzelnen Affen die verschiedenen Gegenstände in die Hand genommen haben) fehlen. Es werden nur die Mittelwerte und Standardabweichungen angegeben (Tabelle 3, Seite 15). Wegen der Eigenschaften der Messwerte (dazu später) ist dies meines Erachtens ein gravierendes Versäumnis und spricht gegen die Verlässlichkeit der Studie.
  • Es sind sehr wenige Affen (11 Männchen bzw. 23 Weibchen). Entsprechend wenig zuverlässig sind die Messresultate, insbesondere weil die Variabilität der Messwerte sehr groß ist: die Standardabweichung beträgt zwischen 5 und 10, bei Messwerten von 2 bis 8. Es ist also nicht so wie der NZZ-Kommentierer meint, dass naturwissenschaftliche Studien genauer sind – was auch nicht verwunderlich ist, schließlich misst man wie oft Affen ihnen unbekannte Gegenstände anfassen.
  • Die Messresultate sind nicht „normalverteilt“, sondern „schief“: „An examination of the distribution of the behavioral variables using the Kolmogorov-Smirnov test revealed positive skew due to a majority of animals showing relatively low frequencies and durations of behaviors with a few individuals showing very high rates of interaction. Focusing analyses on total frequencies and total durations of interaction rather than on individual behaviors reduced but did not eliminate skew.“ – was die AutorInnen also sehen ist dass einige wenige Affen sehr häufig die Gegenstände berühren, während die meisten Affen die Gegenstände kaum berühren. Vor allem weil die Anzahl Affen sowieso schon sehr tief ist, bedeutet dies, dass ein zufälliges Zustandkommen der Resultate noch wahrscheinlicher ist: das Resultat wird wesentlich von der Untergruppe Affen bestimmt, die überhaupt nennenswert oft mit den Gegenständen interagieren.
  • Indirekte Effekte (bspw. besteht eine Konkurrenz um die Spielzeuge, da nur je eines für 135 Affen zur Verfügung steht).

Zusammengefasst ist für mich die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der hier publizierte Unterschied von männlichen Affen in Bezug auf Plüschspielzeug bzw. mit Rädern zufällig zu Stande gekommen ist. Insbesondere muss man sich auch bewusst sein, dass in der Wissenschaft fast überall nur positive Resultate veröffentlicht werden* – positiv im Sinne dass ein Unterschied messbar war. Wenn nun also 10 solcher Studien stattfinden, und 9 ergeben kein Unterschied, entsteht angesichts der Literatur aber doch den Eindruck dass ein Unterschied da ist, weil nur die eine Studie mit dem – u. U. zufälligen – positiven Resultat publiziert wurde. Eine weitere Betrachtung solcher Studien gibt es übrigens auch auf den ScienceBlogs.

Bedeutet dies nun dass es keine biologisch bedingten Unterschiede gibt im Verhalten der Geschlechter? Natürlich nicht – die unterschiedliche biologische Entwicklung kann sich durchaus im Nervensystem und damit im Verhalten und Denken niederschlagen (siehe bspw. hierhier oder hier für Übersichtsartikel). Aus Studien wie der hier untersuchten lässt sich aber wohl kaum eine Aussage treffen, welcher Art und wie wichtig die Unterschiede zwischen biologischen Geschlechtern sind.

 

*Ich hätte übrigens auch noch eine Menge negativer Resultate auf Halde…

So weit weg und uns fremd der Krieg des „islamischen Staates“ (IS) ist, so nah ist er uns. Schlachten werden per Liveticker übertragen; wer will kann die Videos von Enthauptungen westlicher Geiseln im Internet sehen; junge Leute von nebenan reden offenherzig darüber wann und warum sie in den Krieg ziehen werden; ein Video in perfekter Qualität zeigt das Leben in der IS-kontrollierten Stadt Rakka in Syrien, eine Französin dort erklärt ihrer Mutter, dass sie freiwillig in Syrien sei und nicht zurückkommen werde; die Kommunikation zwischen und mit den IS-KämpferInnen geschieht mit der gleichen Technik, mit dem gleichen Facebook oder Skype, das wir auch benutzen*. Trotzdem (oder gerade deswegen?) ist es westlichen Gesellschaften und Regierungen bislang kaum gelungen, das Phänomen IS intellektuell, politisch, kulturell und geschichtlich zu erfassen. Meines Erachtens liegt darin auch die Ursache für den bislang wenig erfolgreichen Umgang mit dieser neuartigen Form von Krieg und Kriegspartei – die in Zukunft vielleicht eher die Regel aus die Ausnahme darstellen werden. In letzter Zeit sind mir drei sehr interessante und erhellende Texte aufgefallen, die eine solche Einordnung des IS versucht haben:

IS: Nicht verschieden, sondern gleich wie wir

Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek vertritt in seinem Text in der „New York Times“ Anfang September die These, dass der IS keineswegs „antimodern“ sei, sondern eine Form von „pervertierter Moderne“, die sich in eine Reihe ähnlicher „konservativer Modernisierungen“ einreiht. Unterstützt wird dies bpsw. durch den sehr modernen PR-Auftritt. Die wesentliche Botschaft von Žižek ist denn auch, dass es sich beim IS eben nicht um Fundamentalisten handelt, sondern dass sie „wie wir sind und dass sie unsere Standards verinnerlicht haben und sich daran messen“.

IS denkt in westlicher Tradition

Ebenfalls im September erschien ein Text mit ähnlicher Richtung im englischen „Guardian“. Wichtig erscheint mir die Feststellung zu Beginn: „Angesichts der extremen Gewalttätigkeit der IS-Kämpfer und der Enthauptungen, ist es einsichtig dass wir versuchen sie als etwas radikal Anderes zu verstehen. Aber das hilft nicht beim Verständnis.“ Im Gegenteil: Der gegenwärtige Dschihad stamme nicht aus der Vergangenheit, sondern sei eine moderne, anti-traditionalistische Entwicklung mit starker Beeinflussung durch westliche politische Geschichte und Kultur. Dazu geht der Autor auf den vom IS-Anführer zitierten indisch-pakistanischen Journalisten und Vordenker des Islamischen Staates Sayyid Abdul Ala Maududi zurück, und dess Auffassung der französischen Revolution, nämlich dass ein Staat auf eine Sammlung von Grundwerten gestützt sei. Und dass entsprechend ein Mensch nur als StaatenbürgerIn denkbar ist, bzw. sich der staatlichen Struktur und ihren Regeln unterwerfen muss, was genau der im Westen üblichen Auffassung von Nationalität entspricht.

Die neuen Partisanen

Die zwei Texte soweit betonen also wie ähnlich in Denken und Traditionen der IS den heutigen westlichen Staaten ist – unabhängig davon wie sich der IS selber darstellt. Ein anderer Ansatz zeigt ein kürzlich erschienener Artikel in der „Zeit“. Ausgehend von Bildern von „Maskenmännern mit Maschinenpistolen“ des IS, aber auch in der Ukraine, wird dargelegt wie sich der IS mit der „Theorie des Partisanen“ von Carl Schmitt beschreiben lässt. Insbesondere wird auf vier individuelle Eigenschaften der Kämpfer eingegangen: Keine offizielle Uniform; eine starke Motivation für eine bestimmte Sache zu kämpfen; hohe Mobilität und Flexbilität, wobei heute noch die professionelle Kommunikation dazukommt; zudem ist er ein „neuer Typus des irregulären Kämpfers“, der „die Aufständischen aller Länder im globalen Kleinkrieg vereinigen sollte“. Dies führe, so wird ein russischer General zitiert, zu „nicht-lineare Kriegen“ mit „ungewohnten Mustern“.
Mit einem eleganten Schwenk – „Das Partisanische tritt heute (…) nicht als militärisches Phänomen, sondern als eine Art psychopolitische Disposition. Als eine innere Haltung, (…) [in der] der Staat und seine Institutionen nicht nur als Objekte der Kritik firmieren, sondern als Feinde, die es zu bekämpfen gilt.“ – kommt der Autor mit dem ganz großen Aufwisch auf die Partisanen unter uns zu sprechen, von der Tea-Party über Montagsdemonstrationen zu Xavier Naidoo: Der IS wird zu einem Musterbeispiel, wie Politik, Konflikte und Auseinandersetzungen da wie dort in Gegenwart und naher Zukunft aussehen werden.

 

*Der Unterschied zwischen IS und bspw. Al-Qaida liegt gerade in dieser Nähe zu uns. Das liegt zu einem guten Teil am Internet und anderen technische Fortschritte, aber längst nicht alleine, wie die hier besprochenen Texte zeigen.

Trompeten! Pauken! Tusch! – eine neue Blogserie wird angekündigt! „DIE PUBLIKATION: Wahnwitziges, Aufregendes, Bahnbrechendes aus der Welt der Wissenschaft!“

Oder anders gesagt: Dem sehr gemählichen Fortschritt der Wissenschaft folgend gibt es in der Kategorie „Die Publikation“ gelegentlich, im Abstand von eher mehreren Monaten als einigen Wochen, Erläuterungen zu wissenschaftlichen Artikeln, an denen ich beteiligt war. Und die den engen Horizont der Erkenntnis marginal und kaum merklich (aber doch ein bisschen! wirklich!) vergrößert haben. Wenn, wie Tom Lehrer sagt „we spent 20000 millions of taxpayer’s money to put some clowns on the moon“, sollte auch bekanntgegeben werden was dabei rauskam.

Heute also zu „CK1δ and CK1ε are components of human 40S subunit precursors required for cytoplasmic 40S maturation“ und „The beta-isoform of the BRCA2 and CDKN1A(p21)-interacting protein (BCCIP) stabilizes nuclear RPL23/uL14“. Beides sind Studien aus der Ribosomen-Biogenese, der Herstellung von Ribosomen in menschlichen Zellen. (Wikipedia ist Deine Freundin: über das Ribosom und die Grundlagen lebender Zelle, worin dies alles stattfindet – pausenlos in den Milliarden Zellen unserer Körper)

Das Ribosom ist ein für molekulare Verhältnisse sehr großes Konstrukt, bestehend aus zwei sehr großen und zwei kleinen RNA-Molekülen, und ungefähr 70-80 Proteinen. Dazu kommen noch ungefähr 200 Hilfsproteine und -RNAs (trans-acting factors genannt). Damit ein funktionelles Ribosom enstehen kann, sind hunderte von kleinen „Arbeitsschritten“ notwendig, von denen bisher nur wenige im Detail bekannt sind. Dazu gehört das Zurechtschneiden der RNA-Moleküle, die Bindung der ribosomalen Protein am richtigen Ort zum richtigen Zeitpunkt, Qualitätskontrolle usw. Zudem ist die Herstellung der Ribosomen natürlich kein isolierter Prozess, sondern mit den Tausenden anderen Vorgängen in der Zelle verknüpft und natürlich wird auch reguliert wieviele Ribosomen zu welchem Zeitpunkt entstehen. Da Ribosomen eine fundamentale Aufgabe in allen unseren bekannten Lebewesen spielen, und evolutionär sehr alt sind (wohl im Bereich von drei Milliarden Jahre), sind sie sich relativ ähnlich in den verschiedensten Organismen, von Bakterien über Hefen bis zum Menschen. Die meisten Erkenntnisse über Ribosomen-Biogenese wurden aus Hefe gewonnen, die sich deutlich einfacher kultivieren oder verändern lassen als menschliche Zellen in Zellkulturen. Die hier verlinkten Studien wurden aber in menschlichen Zellen gemacht; während viele Mechanismen wohl mehr oder weniger gleich sind wie in Hefe, bedingt das Zusammenspiel der Ribosomen-Biogenese mit den ungleich komplexeren Mechanismen in menschlichen Zellen (wie Zellwachstum oder Differenzierung) die Forschung in menschlichen Zellen.

Bei der ersten Studie haben wir gezeigt dass die Protein-Kinasen CK1delta und CK1epsilon in späten Schritten der Ribosomen-Biogenese eine Rollen spielen. Protein-Kinasen sind Proteine, die andere Proteine verändern können (durch Phosphorylierung). Wir haben gezeigt, dass CK1 zwei trans-acting factors, Ltv1 und Enp1, phosphoryliert, und dass die Blockade von CK1 mit einem Inhibitor späte Schritte der Ribosomen-Biogenese stört. Auch wenn wir keine direkte Kausalität zeigen konnten, legen die Resultate zusammengenommen nahe, dass CK1 relativ früh in der Ribosomen-Biogenese an das Prä-Ribosom (also das unfertige Ribosom bindet), ebenso wie Ltv1 und Enp1. Die Aktivierung von CK1 geschieht aber erst in einem späteren Schritt, und nach der Phosphorylierung fallen Ltv1 und Enp1 vom Prä-Ribosom ab, womit dann das Ribosom fast fertig ist.

CK1 hat neben der hier beschriebenen Funktion noch diverse andere Aufgaben. Unter anderem ist CK1 involviert in der Regulierung des Tag-Nacht-Zyklus, und es gibt auch schon Hinweise dass Ribosomen-Biogenese ebenfalls variiert ist während eines solchen Zyklus – was einleuchtend klingt, braucht doch der Körper für die höhere Aktivität tagsüber mehr Proteine, und damit auch mehr Ribosomen. CK1 könnte hier also eine Verbindung zwischen Tag-Nacht-Zyklus und der Produktion von Ribosomen herstellen.

In der zweiten Studie haben wir gezeigt, dass das Protein BCCIP, das in Säugetieren mit DNA-Reparaturmechanismen in Verbindung gebracht wurde, eine zweite Funktion in der Ribosomen-Biogenese haben könnte. Das B im Namen steht für „BRCA2-interacting“ – BRCA2 ist mit dem nahe verwandten BRCA1 wichtig für Brustkrebs und andere Krebsarten, war Grund für einen epischen Patentstreit und kam übrigens schon mal vor in meinem Blog. Die Verbindung zu Krebs besteht darin dass die BRCA-Protein für Genomstabilität zuständig sind; instabile/mutierende Genome sind eine wichtige Ursache für Krebs. BCCIP hat zwei Isoformen, alpha und beta. Wir haben gezeigt, dass ausschließlich die Beta-Isoform an das ribosomale Protein Rpl23 bindet und freies, d.h. nicht an Ribosomen gebundenes, Rpl23 stabilisiert. Gleichzeitig bindet es an den trans-acting factor EIF6. In früheren Arbeiten wurde gezeigt dass sowohl freies Rpl23 wie auch BCCIP über diverse andere Faktoren an der Regulierung des Zellzyklus und damit des Zellwachstums beteiligt. Die hier gezeigte Verbindung zwischen diesen Proteinen bzw. zwischen Ribosomen-Biogenese und Zellzyklus/Zellwachstum kann nun weitere Studien nach sich ziehen, um diese bspw. für Krebsentstehung wichtigen Zusammenhang auf molekularer Ebene aufzuklären.

 

PS: Wer all diese Wikipedia-Artikel angeklickt hat, könnte sich ja mal überlegen, für Wikipedia zu spenden, nicht?

 

Hier nun mein Vortrag an der Langen Nacht der Wissenschaft, 10. Mai 2014 im MDC Berlin-Buch. Da es ein Vortragsskript ist, ist es sprachlich nicht über alle Zweifel erhaben… Links usw. kann ich hinzufügen wenn gewünscht.

In diesem Vortrag geht es um das menschliche Erbgut oder Erbinformation. Und darum, wie man an die Information rankommt, und was es bedeutet, wenn man diese kennt, und wie man mit dieser riesigen und gleichzeitig sehr persönlichen Datenmenge umgehen soll, und welche ethischen und rechtlichen Fragen gestellt werden müssen. Die Entwicklung bei der Erbgutinformation ist durchaus mit dem Internet vergleichbar: eine schnelle technologische Entwicklung erlaubt, immer mehr persönliche Daten zu sammeln. Heute kann man innert weniger Tagen für 1000 Euro ein komplettes menschliches Erbgut bestimmen, was vor 15 Jahren reinstes science fiction war.

Zuerst werde ich sehr kurz einige Dinge dazu sagen, was genetische Information bedeutet, und was Unterschiede zwischen Menschen auf Gen-Ebene sind. Dann etwas zur technischen Entwicklung und Möglichkeiten der Erbgutbestimmung. Und zum Schluss aktuelle ethische und rechtliche Fragen und Entwicklungen.

Wie gesagt, es geht um das menschliche Erbgut, auch Genom genannt, alle unsere Gene. Wir haben unser Erbgut in allen unseren Zellen drin, in 23 relativ großen Molelkülen. Diese umfassen insgesamt ungefähr 3 Milliarden „Buchstaben“, chemisch gesagt „Basen“ oder „Nukleinsäuren“. Es gibt nur vier verschiedene davon, ACGT. 3 Milliarden entspricht ungefähr 670 Tausend dicht bedruckten A4-Seiten, oder einer ordentlichen Bibliothek. Das Genom ist ganz dicht zusammengeknäuelt, ausgestreckt sind es ungefähr 1 Meter, aber unendlich dünn.

Nun, also zum Genom. Es hat darauf beim Menschen ungefähr 20000 Gene. Aus Genen werden Proteine, die die eigentlich Arbeit im Körper erledigen. Nahrung verdauen, Atmen, Signale im Hirn weitergeben usw – das machen Proteine. Gene sind der Bauplan für Proteine. Bei dem umstrittenen „Genfood“ bspw geht es oft um einzelne Gene, die hinzugefügt werden. Beispiel Bt-Mais von Monsanto: Dieser Mais hat ein Gen, das für ein Protein codiert, das giftig ist für schädliche Insekten, wie bspw. den Maiszünsler, der ganze Maisfelder vernichten kann.

Neben den 20000 Genen, die einen sehr kleinen Teil des Genoms ausmachen, hat es sehr viel Sequenzen, die die Gene regulieren und andere Dinge tun – die Funktion des größten Teil des Genoms ist nach wie vor unbekannt.

Einzelne Menschen können sich in ganz kleinen Differenzen unterscheiden (abgesehen von Mann/Frau, wo ein ganzes Chromosom unterschiedlich ist). Es sind ungefähr eine Million dieser kleinen Unterschiede bekannt; das können einzelne Buchstabendifferenzen sein (bpsw. ein A statt ein G), oder kurze oder längere Abschnitte die fehlen oder zusätzlich da sind. Viele dieser Differenzen haben wohl keinen Effekt, von zahlreichen ist aber schon bekannt was sie bewirken. Man nennt diese Unterschiede auch SNP (small nuclear polymorphism).

Bekannt geworden ist das Gen BRCA1, das macht ein Protein das für die Stabilität des Genoms zuständig ist. Einige SNPs in diesem Gen können das Risiko für Brustkrebs drastisch erhöhen. Immer mehr Frauen lassen sich nun auf diese SNPs testen und eventuell präventiv die Brust entfernen – bekanntes Beispiel ist Angelina Jolie.

So einfach ist der Zusammenhang zwischen genetischer Information und Krankheit aber meistens nicht. Die erstmalige Bestimmung des menschlichen Genoms hat diesbezüglich riesige Hoffnungen geweckt, die zumeist nicht erfüllt werden konnten. Im Gegenteil, je näher man hinschaut, desto weniger sieht man: Nach der erstmaligen Entschlüsselung des menschlichen Genoms haben sich immer mehr und immer komplexere Mechanismen gezeigt, welche tatsächlichen Folgen die Veränderungen im Genom tatsächlich haben. Direkte Folgerungen wie im Beispiel oben mit dem einfachen Zusammenhang BRCA1-Veränderung -> stark erhöhtes Brustkrebsrisiko sind eher die Ausnahme.

Auch ist klar, dass äußerliche Einflüsse – Kultur, Erziehung, Ernährung, Umwelt – den einzelnen Menschen viel stärker prägen als nur seine Gene. Siehe Geschwister, die sich ja genetisch sehr ähnlich sind, aber ganz unterschliedliche Menschen sein können.

Aber zurück zur Bestimmung des Erbgutes. Beim ersten Mal, vor wie gesagt gut zehn Jahren, hat man dafür noch Jahre und Dutzende von Millionen von Euro gebraucht. Dank des technischen Fortschrittes kostet die komplette Bestimmung des Erbgutes eines Menschen heute noch ungefähr 1000 Euro. Auch wir können das innert einiger Tagen machen – von etwas Blut oder einer kleinen Gewebeprobe ausgehend, es braucht also keinen großen Eingriff. Das kontrastiert mit dem enormen Informationsgewinn aus der Methode.

Das bedeutet, dass die Totalsequenzierung des menschlichen Genoms in der Medizin und darüberhinaus alltäglich werden kann. Trotz der Vorbehalte, die vorher gegenüber des tatsächlichen Informationsgehaltes des Genoms geäußert habe, wir reden hier über die Bestimmung einer entscheidenden biologischen Voraussetzung der individuellen Identität des Menschen. Und entsprechend stellen sich wichtige ethische und rechtliche Fragen – nicht alle grundsätzlich neu, aber von ganz neuer Reichweite und Menge. Beispielsweise ergibt „Blutfett“ messen ein Wert – während das Erbgut unendlich viel aussagekräftiger ist bzw. sein kann:

  • Die Kenntnis des Erbgutes kann sehr aussagekräftig sein: Da Risiken für diese und jene Krankheiten bekannt. Das beeinflusst das Verhalten (siehe Brustkrebs/Brustamputation), aber könnte zB Versicherungen brennend interessieren -> Datenschutz.
  • „Genetische Verantwortung“ -> gegenüber Nachkommen und nahen Verwandten, da diese ähnliche Eigenschaften haben könnten. Siehe auch Pränataldiagnostik.
  • Analyse erfolgt mehr und mehr in vernetzten, arbeitsteiligen Verbünden. Viel mehr Leute sind involviert, und nicht nur Ärzte, die zB an das Arztgeheimnis und Verhaltensrichtlinien gebunden sind, sondern auch nicht-ärztliche Wissenschaftler (wie zB ich). Es braucht also eine Ausdehnung der Pflichten und des Schutzes des Personals.
  • Klassischer Umgang mit Patienten: Aufklärung, Einwilligung, Beratung – funktioniert nicht mehr. Die Struktur der biologischen Forschung (globaler Datenaustausch), ein hohes Maß an vagem Wissen (Forschung ist im Fluss), die Beschaffenheit genetischer Informationen (Wahrscheinlichkeitswissen) und die Menge an möglichen Zusatzbefunden (Überschussinformation) unterhöhlen den Anspruch auf eine informierte Entscheidung.
  • Totalsequenzierung stellt keinen punktuellen, sondern einen andauernden Eingriff in die Rechte des Betroffenen dar. Die Möglichkeit der sukzessiven Informationsbeschaffung macht es schwer, Umfang und Reichweite des Eingriffs abschließend einschätzen zu können.
  • Darf oder muss man dem Patienten alles mitteilen? Besonders sensibel bei Kindern und Jugendlichen (Veränderungen im Erbgut die erst viel später und nur eventuell sichtbar werden)
  • Datenschutz, Datensicherheit sind auch hier von zentraler Wichtigkeit
  • Gendiagnostikgesetz von 2009 ein Anfang, aber nicht mehr
  • Firmen wie 23andme, deCODEme, Illumina usw. bestimmen SNPs oder das ganze Erbgut. Sobald private Firmen hineinkommen, gibt es zusätzliche Probleme – siehe bspw. die umstrittene Patentierung auf BRCA1 durch die Firma Myriad, wodurch sehr teure Gentests für Brustkrebs möglich werden.

Es gibt also einige Vorbehalte, aber wie das Internet und andere großartige Erfindungen birgt auch die Erbgutbestimmung ein riesiges positives Potenzial, nicht nur für wissenschaftliche Grundlagenforschung und die Entwicklung von Therapie und Diagnostik! So haben vier StudentInnen von verschiedenen Unis aus Deutschland openSNP.org programmiert, wo Leute ihre SNP-Daten und Genome eingeben können und sich darüber austauschen können, aber auch ihre Daten der Wissenschaft zur Verfügung stellen. Die Souveränität über die eigenen Daten geht auf das Individuum über – das ist aufwändig, aber grundsätzlich begrüßenswert.

 

Einige weiterführende Links

 

 

 

Am Montag hat Nobelpreisträger Randy Schekman zum Boykott der wissenschaftlichen „glamour magazines“ Science, Cell und Nature aufgerufen und angeregt, in open-access-Magazinen wie das von ihm mitherausgegebene eLife zu publizieren. Die Reaktionen waren sehr verschieden. Die einen unterstützten ihn, auf einem anderem Blog wurde Scheckman  als Heuchler bezeichnet, da er ja selber und bis vor kurzen oft in diesen Magazinen publiziert hat, und auch darauf seinen Erfolg baute.

Update: Zwei weitere interessante links Elsevier hier und hier.

Was ist davon zu halten? Scheckman hat m.E. natürlich recht, es braucht Veränderungen beim wissenschaftlichen Publizieren, weg von impact factors und GlamMagz, hin zu open access (siehe dazu mein Blogbeitrag hier). Aber diese Änderungen sind fundamental und betreffen Hunderttausende von WissenschaftlerInnen und Zehntausende von Institutionen. In der – sowieso eher trägen – Wissenschaft mit ihren hierarchischen Abhängigkeiten können einzelne nicht ohne weiteres von tradierten Verhaltensweisen wegzukommen. Junge WissenschaftlerInnen müssen in Hochglanzzeitschriften publizieren, um eine Chance haben im akademischen Betrieb zu bleiben. GruppenleiterInnen müssen „gut“ publizieren um die richtigen Leute an sich zu ziehen, sich permanente Stellen zu sichern und Drittmittel einzuwerben. Instituten stellen Leute ein, die prestigeträchtige Publikationen haben, um sicherzustellen dass der wissenschaftliche Output und die Drittmittelstatistik stimmt, man wird ja schließlich jährlich evaluiert. Universitäten und Forschungsinstitutionen müssen quantifizierbare Top-Daten vorweisen, um bei Exzellenzinitiativen und Finanzierungsrunden mithalten können – und so weiter.

Wer soll den ersten Schritt machen? Ja, alle WissenschaftlerInnen und Institutionen müssen „awareness“ schaffen und bereit sein ihren Teil dazu beitragen, wissenschaftliches Publizieren und damit die Wissenschaft an sich besser zu machen. Aber damit wirklich was geht, müssen die großen Wissenschaftsinstiutionen, die großen Geldgeber, die international maßgeblichen Universitäten einen mehr oder weniger koordinierten Schritt nach vorne machen. Hoffentlich kann Scheckmans Aufruf dazu beitragen.