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Nach der Entscheidung des SPD-Parteikonventes für die Vorratsdatenspeicherung (VDS) letzten Samstag traten Justizminister Heiko Maas und der Parteivorsitzende Sigmar Gabriel vor die Presse. In ihren Reden gab es ein interessantes Detail zu Freiheit und Sicherheit – Maas spricht davon, dass sein Entwurf des Gesetzes einen gute „Balance zwischen Sicherheit und Freiheit“ gefunden hätte, während Gabriel betonte, dass Freiheit und Sicherheit keinen Gegensatz seien, sondern einander bedingen. Das passt natürlich zu seinem neuen Strategiepapier 2017, von dem die „Zeit“ raunte. Darin soll offenbar „Sicherheit“ statt „Gerechtigkeit“ als sozialdemokratischer Schlüsselbegriff definiert werden soll. Diese Ankündigung, in Kombination mit dem Ja zur VDS, brachte das Twitter-Feuilleton – nicht unerwartet – endgültig zur Weißglut.

Das ist natürlich nicht besonders treffsicher. Dass Sicherheit – vor allem, aber nicht nur, in der Ausprägung als soziale Sicherheit – die Grundlage für bürgerliche, individuelle Freiheiten ist, ist schon seit dem 19. Jahrhundert Leitmotiv sozialdemokratischer Politik. Entsprechend konnte und kann die SPD mit einem mehr anarchischen Verständnis von Freiheit, wie es bspw. „die 1980er“ propagierten, wenig anfangen. Ebenso war und ist die Sozialdemokratie verhältnismäßig schnell bereit, regulierend in die Freiheit des gesellschaftlichen Umgangs einzugreifen, wenn es etwa darum geht, auf dem freien Markt Schwächere und Benachteiligte zu stützen. Ob Willy Brandts Aussage – „Im Zweifel für die Freiheit“ – da stets beachtet wird, sei dahingestellt. Trotzdem bleibt die Freiheit des Individuums ein sozialdemokratisches Ziel. Immer aber, wie auch Bundespräsident Gauck es gerne predigt, als „Freiheit für“, also gekoppelt an Verantwortung, und nicht als „Freiheit von“.

Das alles bedeutet natürlich nicht, dass Gabriel mit seinem Sicherheitsschwenk recht hat, im Gegenteil. Mit seinem Vorpreschen für die Vorratsdatenspeicherung hat er gezeigt, dass er in Sachen Sicherheit wohl den einen oder anderen falschen Akzent setzt. Neben der sozialen Sicherheit wird Sicherheit für die meisten Menschen im Alltag nicht etwa mit Überwachungsmaßnahmen garantiert. Wichtiger ist es da eher, den Abbau von Stationspersonal in Bahnhöfen zu verhindern. Oder genug Mittel für eine alerte Lokalpolizei bereitzustellen, um regelmäßige Streifen, schnelle Antwortszeiten und Erreichbarkeit zu sichern. Oder gut beleuchtete, intakte Gehwege zu finanzieren, damit auch ältere Menschen genügend Bewegungsfreiheit haben. Alle das würde an einem durchschnittlichen SPD-Parteitag sehr wahrscheinlich diskussionslos durchgewunken. Ist die SPD deswegen schon „Sicherheitspartei“?

Dass mit Sicherheit spätestens seit dem 11. September 2001 zu oft (präventive) Überwachungsmaßnahmen wie eben die VDS gemeint sind, ist einerseits durch eine Überschätzung der Abschreckungswirkung bedingt, deren Wirksamkeit zumindest umstritten ist. Andererseits geht es bei all diesen Maßnahmen nicht um Sicherheit, den die könnte wie gesagt allenfalls über Abschreckung erzielt werden, sondern primär um Gerechtigkeit: Die Gerechtigkeit, die erreicht wird, wenn ein Verbrechen aufgeklärt und bestraft wird. „Uns Sozialdemokraten sind Recht und Gerechtigkeit teuer geworden, weil wir die Rechtlosigkeit erfahren haben und wissen, dass Rechtlosigkeit hungriger macht als der Mangel an Brot, durstiger als das Entbehren von Wasser“ hieß es bei der Gründung der ASJ vor 60 Jahren. Eine funktionierende Justiz, die Gerechtigkeit schafft, ist auch ein Hauptanliegen der Sozialdemokratie. Wenn es aber um die Mittel geht, mit der die Justiz Gerechtigkeit herstellt, sollte im konkreten Fall VDS zumindest die sehr kritische Haltung der ASJ zu Denken geben.

Falls die Aussagen über das Strategiepapier 2017 – Ersetzen von „Gerechtigkeit“ mit „Sicherheit“ – stimmen, bestünde m.E. der größte Fehler darin, dass eine künstliche Gegenüberstellung zwischen diesen beiden Werten geschaffen wird. Gerne wird Sicherheit, als Gegensatz zu Freiheit, in der Politik als konservatives Anliegen bezeichnet und dann eher der CDU zugeordnet. Ich glaube, dass das historisch und politisch falsch ist. Die SPD hat sich immer als diejenige Partei verstanden, die verschiedenste Anliegen, Bevölkerungsschichten, Ziele, unter einen Hut zu bringen versucht (und damit nicht unerwartet regelmäßig auf die Nase fällt). Ebenso müssen Freiheit, Sicherheit und Gerechtigkeit alle drei grundlegende politische Werte der SPD bleiben. Gerne kann man sich dann im konkreten Fall mit Hilfe dieser Begriffe bekämpfen. Grundsätzlich sollte sich die SPD aber von niemandem einreden lassen, man müsse diese Werte gegenüberstellen oder sogar den einen mit dem anderen ersetzen.

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Am 14. Juni wird es in der Schweiz einen Volksentscheid über die Präimplantationsdiagnostik (PID) geben. Bei der PID werden durch künstliche Befruchtung erzeugte Embryonen vor dem Einsetzen in die Gebärmutter auf genetische Schäden untersucht. Wenige Tage nach der Befruchtung, wenn der Embryo aus ungefähr acht bis zwanzig Zellen besteht, werden eine bis zwei Zellen entnommen und analysiert. In vielen Ländern ist die PID schon erlaubt (in Deutschland seit Februar 2014), nun wird auch in der Schweiz über eine entsprechende Gesetzesvorlage abgestimmt. Eine Ablehnung erscheint eher unwahrscheinlich, die Regelung ist eher restriktiv ausgefallen. Trotzdem bietet die Abstimmung eine gute Gelegenheit, nachzuverfolgen wie die ursprünglich ablehnende Haltung zur PID nun umgeschlagen ist. In der Schweiz wurde 1991 und 1998 anlässlich von Volksinitiativen, die ein Verbot der In-Vitro-Befruchtung forderten, über das Thema debattiert. Der Verfassungsartikel 119, dessen Änderung am 14. Juni zur Abstimmung steht, wurde 1992 eingeführt, das geltende PID-Verbot im Fortpflanungsmedizingesetz Art. 5 stammt von 1999 – beide Male auch als Reaktion  auf zwei restriktive Volksinitiativen*. In Deutschland forderte die Enquete-Kommission „Recht und Ethik der modernen Medizin“ des deutschen Bundestages 2002 ein Verbot der PID.

Ein vergleichsweise moderater Redebeitrag von 1991 – gerne wurde von striken IVF-Gegnern u.a. der Homunculus beschwört – kam von CVP-Nationalrat Rolf Seiler:

„Im Grunde genommen geht es gar nicht mehr um die Machbarkeit der Dinge, sondem um die Vertretbarkeit von dem, was gemacht wird oder gemacht werden soll oder gemacht werden darf. Es ist also kein ökonomisches oder technisches, sondem vor allem ein ethisches Problem. Hans Jonas hat einmal geschrieben: «Mit der aufkommenden biogenetischen Kunst wird ein ethisches Neuland betreten, für dessen nie zuvor gestellte Frage wir noch gänzlich unvorbereitet sind.» Die Aufgabe des Gesetzgebers, Leitplanken zu setzen, wird damit zu einer Gratwanderung zwischen der persönlichen Freiheit und der Verrechtlichung ethischer Grundprinzipien. (…) Als Grundsatz könnte etwa dienen: Alles, was dem Leben dient, soll nicht behindert, sondem gefördert werden; was jedoch das Leben gefährdet, dem muss Einhalt geboten werden. Erschwerend kommt jedoch hinzu, dass der Gesetzgeber einmal mehr mit heraushängender Zunge einer rasanten technologischen Entwicklung hinterherrennt. (…) Trotz unseren Bedenken und Vorbehalten aus ethischen Gründen treten wir nicht für ein Verbot sämtlicher Fortpflanzungstechnologien ein.“

Sieben Jahre später, im Jahr 1998, beschloss das Schweizer Parlament nach langer Debatte** ein Verbot der Präimplantationsdiagnostik, unter anderem mit folgenden Argumenten:

„Immerhin sei nochmals in Erinnerung gerufen, dass die Langzeitfolgen der Präimplantationsdiagnostik für den untersuchten Embryo nicht bekannt sind. Das Ablösen einer Zelle vom einzelnen Embryo stellt jedenfalls ein gewisses Risiko dar. Im Extremfall kann er am Eingriff zugrunde gehen. Schliesslich besteht die Möglichkeit, dass ein genetischer Defekt nur in den untersuchten Zellen vorliegt. Solche Mutationen können damit Anlass zu schwerwiegenden Fehldiagnosen sein.“

„Entscheiden wir uns für die Präimplantationsdiagnostik, tun wir einen ersten Schritt in Richtung Unterscheidung zwischen guten Embryonen und schlechten Embryonen.“

„Ohne Verbot der Präimplantationsdiagnostik wird die Schleuse für Kinder nach Mass geöffnet, oder – anders gesagt – die Präimplantationsdiagnostik ist ein Einfallstor für eugenische Überlegungen. (…) Die Präimplantationsdiagnostik geht aber ganz klar einen Schritt weiter, denn sie führt, falls eine Krankheit beim Embryo nachweisbar ist, unweigerlich zur Vernichtung potentiellen Lebens – nicht die betroffene Frau, die in diesem Fall noch kaum eine Beziehung zum Embryo hat, entscheidet. Der Entscheid wird an die Medizin, an die Wissenschaft delegiert. Wenn die Präimplantationsdiagnostik zum Standardverfahren wird, wird die Hemmschwelle immer kleiner werden, Embryonen in vitro nach beliebigen Kriterien zu untersuchen. Die Grenze zwischen erlaubter Prävention und unerwünschter Selektion wird fliessend. Da Therapiemöglichkeiten fehlen, wenn eine schwere Krankheit am Embryo festgestellt wird, wird es immer bei einer Selektion bleiben.

Befürchtungen vor Selektion und Eugenik, Unklarheit betreffend Langzeitfolgen – die Hauptargumente gelten eigentlich immer noch, wiegen aber 17 Jahre offenbar nicht mehr so schwer. Parteien, die damals strikt gegen die PID waren, wie die Grünen oder die Christdemokraten, sind heute dafür. Ähnlich wie im Schweizer Parlament 1998 klingt es im Deutschen Bundestag 2002 – damals traf noch zu was der Schweizer Bundesrat Koller 1998 gesagt hat:

„Über das Wochenende hatte ich Besuch aus dem Ausland und besprach die [PID] auch mit dem österreichischen Justizminister. Er sagte mir, in Österreich und Deutschland sei die Frage wegen der nationalsozialistischen Vergangenheit vorentschieden gewesen: In diesen beiden Ländern habe man das Problem schlicht nicht aufwerfen können, weil sonst sofort die Frage des unwerten Lebens wieder im Raum gestanden wäre. Deshalb habe man in beiden Ländern die Präimplantationsdiagnostik ohne allzu grosse Diskussion verworfen.“ 

Im Bericht der Enquete-Kommission „Recht und Ethik der modernen Medizin“ des deutschen Bundestages von 2002 lehnte nicht unerwartet eine Mehrheit die PID ab, insbesondere wird auch ausgeführt, warum ein Schwangerschaftsabbruch damit nicht vergleichbar sei. Die Argumente gleichen  den oben aufgeführten Zitaten. Insbesondere wird auf die Schutzwürdigkeit des Embryos verwiesen und die Gefahr, dass jenseits der Diagnose schwerer Krankheiten allen möglichen Anwendungen wie bspw. Geschlechtsselektion der Weg geebnet wird. Wie aber voraussichtlich auch in der Schweiz auch hat in Deutschland ein Umdenken stattgefunden und die PID wurde kürzlich zugelassen.

Was zeigt nun diese Entwicklung? Die biomedizinische Forschung und die Anwendungsmöglichkeiten entwickeln sich rasant. Einiges, was früher Science Fiction war, ist schon Realität oder könnte es werden. Kürzlich wurde etwa der Versuch eines gezielten Eingriffes in das Erbgut eines Embryos publiziert. Ja, die PID-Regelung und die Argumente dafür in der Schweiz klingen vernünftig, und es gibt m. E. keinen Grund die Vorlage abzulehnen. Es gilt aber nach wie vor und immer wieder dass der Gesetzgeber mit heraushängender Zunge einer rasanten technologischen Entwicklung hinterherrennt.“ Was heute politisch undenkbar ist, könnte in einigen Jahren gängige Praxis werden – wenn man sich nicht endlich auf die Debatte einlässt und eine Festlegung wagt, was in näherer Zukunft noch legal sein soll und was nicht. Ansonsten wird weiterhin die Technologie einen Status Quo bestimmen, den Politik, Ethik und Recht dann nachträglich zu akzeptieren haben. Und wollen wir wirklich der Wissenschaft soviel Macht und Verantwortung zumuten?

 

* Volksinitiativen „Gegen Missbräuche der Fortpflanzungs- und Gentechnologie beim Menschen“ 1991 und „zum Schutz des Menschen vor Manipulationen in der Fortpflanzungstechnologie“ 1998

**Quellen für die Zitate:
http://www.parlament.ch/ab/frameset/d/n/4514/173968/d_n_4514_173968_174164.htm
http://www.parlament.ch/ab/frameset/d/n/4514/174223/d_n_4514_174223_174252.htm
http://www.parlament.ch/ab/frameset/d/n/4514/174223/d_n_4514_174223_174224.htm
http://www.parlament.ch/ab/frameset/d/n/4514/174478/d_n_4514_174478_174521.htm
http://www.parlament.ch/ab/frameset/d/s/4515/180904/d_s_4515_180904_180909.htm
Sämtliche Links auch unter http://www.parlament.ch/d/suche/seiten/resultate.aspx?collection=AB&gesch_nr=19960058&sort=BDATE&way=desc

Eines der heißesten Themen in der Molekularbiologie zur Zeit sind ringförmige RNA-Moleküle bzw. circRNAs (für „circular RNAs“). Mittlerweile erscheinen wöchentlich neue Artikel dazu, kürzlich war ich Mitautor einer neuen Studie des Labors des Direktors des Berliner Institut für molekulare Systembiologie, einem führenden Experten für circRNAs: Analysis of Intron Sequences Reveals Hallmarks of Circular RNA Biogenesis in Animals.

Wie enstehen die circRNAs und was ist besonders daran? Grundsätzlich wird Boten-RNA (mRNA) als temporärer Informationsspeicher von Genen auf der DNA abgelesen. Die Gesamtheit aller Gene bildet das Erbgut. In allen komplexeren Lebewesen (also ungefähr Hefe aufwärts) wird mRNA in einem ersten Schritt vom gesamten Gen abgelesen, und in einem zweiten Schritt werden die für die fertige mRNA nicht benötigten Teile, die Introne, herausgeschnitten:

Gene structure de.svg

Gene structure von Gene_structure.svg: Daycd, traced by Stannered derivative work: Furfur – Diese Datei wurde von diesem Werk abgeleitet: Gene_structure.svg . Lizenziert unter CC BY-SA 3.0

Üblicherweise, bzw. davon ging man bis vor kurzem aus, werden die Exone also linear zusammengesetzt. Nun scheint es aber öfters zu geschehen, dass ein Ende eines Exons mit dem anderen Ende desselben Exons verbunden wird, sodass eine ringförmige RNA entsteht. Seit Beginn der 1990er gab es gelegentlich Publikationen die auf circRNAs eingingen, wirklich an Fahrt aufgenommen hat das Thema erst Anfang 2013. Biologische Funktionen für circRNAs sind noch kaum bekannt, aktuelle Studien gehen vor allem auf deren Entstehung und Eigenschaften ein. In unserem Artikel beschreiben wir zwei Beobachtungen.

Erstens werden die Nukleotidsequenzen in den Intronen beschrieben, die die Wahrscheinlichkeit einer Zirkularisierung des dazwischen liegenden Exons erhöhen. Auf Grund der Kenntnis dieser Sequenzen können neue, bisher unbekannte circRNAs vorhergesagt werden (einige Tausend, bei insgesamt ungefähr 25000 menschlichen Genen), 21 wurden experimentell getestet, wovon wiederum ungefähr drei Viertel nachgewiesen werden konnten. Es ist also davon auszugehen dass – bisher unbeachtet – sich Tausende solcher circRNAs in unseren Zellen herumtreiben. Zweitens haben wir gezeigt, dass ein bestimmtes Enzym, das die RNA-Sequenz verändern kann, die Entstehung der circRNAs zu einem gewissen Grade hemmt. Das kann daran liegen, dass das Enzym die für die Zirkularisierung notwendige Interaktion zwischen zwei Intronen (siehe hier das mittlere Bild) stört – entweder direkt, oder durch die Veränderung der RNA-Sequenz.

Soweit kurz zusammengefasst die Resultate dieser Studie. Darüber hinaus wirft das Thema der zirkulären RNAs eine wissenschaftstheoretisch interessante Frage auf. Das Bild oben ist eine Darstellung von Genen mit Intronen und Exonen, wie man sie seit Jahrzehnten in Lehrbüchern und Publikationen sieht. Klar, übersichtlich – und falsch. Denn biologische Moleküle sind nicht rechteckig, sondern höchst flexibel und vor allem in ständiger schneller Bewegung. Die Darstellung oben lässt es dagegen als selbstverständlich erscheinen, dass Exone linear zusammengesetzt werden, weil sie in der Zeichnung schon so angeordnet sind. Eine Zirkularisierung an sich ist aber nicht von der Struktur des Gens eingeschränkt, diese Darstellung kommt dem deutlich näher. Die Frage ist nun: hat die überall verbreitete Darstellung der Gene und Exone als gerade angeordnete Kästchen das Denken so eingeschränkt, dass circRNAs erst viel später entdeckt wurden als es technisch möglich gewesen wäre? Schlüssig beantworten lässt sich die Frage wohl nicht, sie zeigt aber auf, dass die Art und Weise, wie naturwissenschaftliche Erkenntnis dargestellt wird, den Fortgang der Forschung entscheidend mitbestimmen kann.

Berlinale – meine Auslese

16. Februar 2015

Berlinale ist wenn man in zehn Tagen neun Filme sieht… Hoffentlich kommen möglichst viele davon ins Kino, denn mehr oder weniger alles was ich gesehen habe kann ich auch empfehlen:

Al-Hob wa Al-Sariqa wa Mashakel Ukhra (Love, Theft and Other Entanglements)
Amüsante und ergreifende Geschichte um einen Palästinenser, der sich aus Versehen einen gekidnappten israelischen Soldaten aufbürdet – und so zur Zielscheibe von beiden Seiten wird. Im Film-Noir-Stil in Schwarz-Weiß gedreht, mit einigen Längen da und dort.

Sume – Mumisitsinerup Nipaa (Sumé – The Sound of a Revolution)
Gleichzeitig ein sehr schöner Musik- bzw. Band-Dokumentarvideo und ein starker Film über die Unabhängigkeit Grönlands in den 1970er Jahren. Sehr empfehlenswert!

Queen of the Desert
Verspricht sehr viel, übergießt aber alles mit so viel Schmalz, dass es stellenweise lächerlich wird… Dank der schönen Bildern aber prima für einen verregneten DVD-Sonntagnachmittag.

600 Millas (600 Miles)
Eine Tarantino-Geschichte im hyperrealistischen Anti-Tarantino-Stil: Der Boss der Waffenschmuggler wäscht sein Geschirr selber ab, wer gut und böse ist lässt sich nicht entscheiden, und Autofahren ist und bleibt langweilig. Kling ruhig, ist ruhig, trotzdem zu Recht Preisträger für den besten Erstlingsfilm.

Dari Marusan
Eine Geschichte um Außenseiter der japanischen Gesellschaft, manchmal berührend, manchmal brutal, manchmal sehr fremd. Sehenswert auf jeden Fall.

Abaabi ba boda boda (The Boda Boda Thieves)
Inspiriert vom italienischen Film „Ladri di Biciclette“ von 1948, und genauso gut. Angesiedelt in Kampala, Uganda, mit einem Hauptdarsteller, der wie seine Figur im Film zur Zeit auch im Gefängnis sitzt…

Mariposa (Butterfly)
Was wäre wenn? Ein Säugling wird ausgesetzt, oder auch nicht. Wie die Geschichte zwanzig Jahre später weitergeht wird parallel, mit oft sehr starken Überblendungen gezeigt. Das ist manchmal verwirrend, aber sehr packend.

Taxi
Der Film hat den goldenen Bären auch deswegen erhalten, weil der Regisseur im Iran gefangen gehalten wird. Aber vor allem weil es ein äußerst amüsantes, mitreissendes Werk – unbedingt hingehen!

Chrieg
Die „Tageswoche“ hat geschrieben es sei „ein Film wie ein Tritt in die Magengrube“, und das ist er auch. Sehenswert!

Kürzlich, beim Spielen mit den kleinen Jungs eines Freundes (mit Bagger und Lastwagen, natürlich) erwähnte der junge Vater eine Studie, die zeigt dass Rhesusaffen abhängig vom Geschlecht lieber Spielzeuge aus Plüsch oder solche mit Rädern (eben, Bagger und Lastwagen) in die Hand nehmen. Männliche Affen bevorzugten demnach letzteres deutlich. Ungefähr gleichzeitig postete jemand auf Facebook ein Interview mit einer Professorin für Geschlechterforschung. Sie äußert Kritik an eben solchen Studien, die einen biologischen Einfluss auf geschlechterspezifisches Verhalten zeigen – „Da müsste man genau schauen, wer diese Studie wie gemacht hat.“ Und, wie leider sehr häufig, wenn jemand aus der Genderforschung in den Medien kommt, gab es eine ganze Menge schrecklicher Kommentare. Unter anderem postete „L Trachsel“, dass naturwissenschaftliche Studien eben viel genauer seien (bzw. weniger Variabilität aufweisen) als soziologische. Nun denn, alles Gründe die Studie mit den Rhesusaffen genauer zu untersuchen – vor allem da solche Ergebnisse sehr oft in die Medien kommen (bspw. SPON oder taz) oder auch mal als Waffe verwendet werden dass Gender-Mainstreaming des Teufels sei.

Die Art und Weise wie die Affen genau untersucht wurden und die Daten aufgenommen wurden kann ich natürlich nicht beurteilen. Ich konzentriere mich daher auf die Messwerte an sich und ihre statistische Beurteilung. Die Seitenzahlen beziehen sich auf dieses Dokument: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2583786/pdf/nihms64461.pdf

  • Auffällig ist, und dies erschwert eine tiefergehende Beurteilung, ist dass die einzelnen Messwerte (wie oft die einzelnen Affen die verschiedenen Gegenstände in die Hand genommen haben) fehlen. Es werden nur die Mittelwerte und Standardabweichungen angegeben (Tabelle 3, Seite 15). Wegen der Eigenschaften der Messwerte (dazu später) ist dies meines Erachtens ein gravierendes Versäumnis und spricht gegen die Verlässlichkeit der Studie.
  • Es sind sehr wenige Affen (11 Männchen bzw. 23 Weibchen). Entsprechend wenig zuverlässig sind die Messresultate, insbesondere weil die Variabilität der Messwerte sehr groß ist: die Standardabweichung beträgt zwischen 5 und 10, bei Messwerten von 2 bis 8. Es ist also nicht so wie der NZZ-Kommentierer meint, dass naturwissenschaftliche Studien genauer sind – was auch nicht verwunderlich ist, schließlich misst man wie oft Affen ihnen unbekannte Gegenstände anfassen.
  • Die Messresultate sind nicht „normalverteilt“, sondern „schief“: „An examination of the distribution of the behavioral variables using the Kolmogorov-Smirnov test revealed positive skew due to a majority of animals showing relatively low frequencies and durations of behaviors with a few individuals showing very high rates of interaction. Focusing analyses on total frequencies and total durations of interaction rather than on individual behaviors reduced but did not eliminate skew.“ – was die AutorInnen also sehen ist dass einige wenige Affen sehr häufig die Gegenstände berühren, während die meisten Affen die Gegenstände kaum berühren. Vor allem weil die Anzahl Affen sowieso schon sehr tief ist, bedeutet dies, dass ein zufälliges Zustandkommen der Resultate noch wahrscheinlicher ist: das Resultat wird wesentlich von der Untergruppe Affen bestimmt, die überhaupt nennenswert oft mit den Gegenständen interagieren.
  • Indirekte Effekte (bspw. besteht eine Konkurrenz um die Spielzeuge, da nur je eines für 135 Affen zur Verfügung steht).

Zusammengefasst ist für mich die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der hier publizierte Unterschied von männlichen Affen in Bezug auf Plüschspielzeug bzw. mit Rädern zufällig zu Stande gekommen ist. Insbesondere muss man sich auch bewusst sein, dass in der Wissenschaft fast überall nur positive Resultate veröffentlicht werden* – positiv im Sinne dass ein Unterschied messbar war. Wenn nun also 10 solcher Studien stattfinden, und 9 ergeben kein Unterschied, entsteht angesichts der Literatur aber doch den Eindruck dass ein Unterschied da ist, weil nur die eine Studie mit dem – u. U. zufälligen – positiven Resultat publiziert wurde. Eine weitere Betrachtung solcher Studien gibt es übrigens auch auf den ScienceBlogs.

Bedeutet dies nun dass es keine biologisch bedingten Unterschiede gibt im Verhalten der Geschlechter? Natürlich nicht – die unterschiedliche biologische Entwicklung kann sich durchaus im Nervensystem und damit im Verhalten und Denken niederschlagen (siehe bspw. hierhier oder hier für Übersichtsartikel). Aus Studien wie der hier untersuchten lässt sich aber wohl kaum eine Aussage treffen, welcher Art und wie wichtig die Unterschiede zwischen biologischen Geschlechtern sind.

 

*Ich hätte übrigens auch noch eine Menge negativer Resultate auf Halde…

So weit weg und uns fremd der Krieg des „islamischen Staates“ (IS) ist, so nah ist er uns. Schlachten werden per Liveticker übertragen; wer will kann die Videos von Enthauptungen westlicher Geiseln im Internet sehen; junge Leute von nebenan reden offenherzig darüber wann und warum sie in den Krieg ziehen werden; ein Video in perfekter Qualität zeigt das Leben in der IS-kontrollierten Stadt Rakka in Syrien, eine Französin dort erklärt ihrer Mutter, dass sie freiwillig in Syrien sei und nicht zurückkommen werde; die Kommunikation zwischen und mit den IS-KämpferInnen geschieht mit der gleichen Technik, mit dem gleichen Facebook oder Skype, das wir auch benutzen*. Trotzdem (oder gerade deswegen?) ist es westlichen Gesellschaften und Regierungen bislang kaum gelungen, das Phänomen IS intellektuell, politisch, kulturell und geschichtlich zu erfassen. Meines Erachtens liegt darin auch die Ursache für den bislang wenig erfolgreichen Umgang mit dieser neuartigen Form von Krieg und Kriegspartei – die in Zukunft vielleicht eher die Regel aus die Ausnahme darstellen werden. In letzter Zeit sind mir drei sehr interessante und erhellende Texte aufgefallen, die eine solche Einordnung des IS versucht haben:

IS: Nicht verschieden, sondern gleich wie wir

Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek vertritt in seinem Text in der „New York Times“ Anfang September die These, dass der IS keineswegs „antimodern“ sei, sondern eine Form von „pervertierter Moderne“, die sich in eine Reihe ähnlicher „konservativer Modernisierungen“ einreiht. Unterstützt wird dies bpsw. durch den sehr modernen PR-Auftritt. Die wesentliche Botschaft von Žižek ist denn auch, dass es sich beim IS eben nicht um Fundamentalisten handelt, sondern dass sie „wie wir sind und dass sie unsere Standards verinnerlicht haben und sich daran messen“.

IS denkt in westlicher Tradition

Ebenfalls im September erschien ein Text mit ähnlicher Richtung im englischen „Guardian“. Wichtig erscheint mir die Feststellung zu Beginn: „Angesichts der extremen Gewalttätigkeit der IS-Kämpfer und der Enthauptungen, ist es einsichtig dass wir versuchen sie als etwas radikal Anderes zu verstehen. Aber das hilft nicht beim Verständnis.“ Im Gegenteil: Der gegenwärtige Dschihad stamme nicht aus der Vergangenheit, sondern sei eine moderne, anti-traditionalistische Entwicklung mit starker Beeinflussung durch westliche politische Geschichte und Kultur. Dazu geht der Autor auf den vom IS-Anführer zitierten indisch-pakistanischen Journalisten und Vordenker des Islamischen Staates Sayyid Abdul Ala Maududi zurück, und dess Auffassung der französischen Revolution, nämlich dass ein Staat auf eine Sammlung von Grundwerten gestützt sei. Und dass entsprechend ein Mensch nur als StaatenbürgerIn denkbar ist, bzw. sich der staatlichen Struktur und ihren Regeln unterwerfen muss, was genau der im Westen üblichen Auffassung von Nationalität entspricht.

Die neuen Partisanen

Die zwei Texte soweit betonen also wie ähnlich in Denken und Traditionen der IS den heutigen westlichen Staaten ist – unabhängig davon wie sich der IS selber darstellt. Ein anderer Ansatz zeigt ein kürzlich erschienener Artikel in der „Zeit“. Ausgehend von Bildern von „Maskenmännern mit Maschinenpistolen“ des IS, aber auch in der Ukraine, wird dargelegt wie sich der IS mit der „Theorie des Partisanen“ von Carl Schmitt beschreiben lässt. Insbesondere wird auf vier individuelle Eigenschaften der Kämpfer eingegangen: Keine offizielle Uniform; eine starke Motivation für eine bestimmte Sache zu kämpfen; hohe Mobilität und Flexbilität, wobei heute noch die professionelle Kommunikation dazukommt; zudem ist er ein „neuer Typus des irregulären Kämpfers“, der „die Aufständischen aller Länder im globalen Kleinkrieg vereinigen sollte“. Dies führe, so wird ein russischer General zitiert, zu „nicht-lineare Kriegen“ mit „ungewohnten Mustern“.
Mit einem eleganten Schwenk – „Das Partisanische tritt heute (…) nicht als militärisches Phänomen, sondern als eine Art psychopolitische Disposition. Als eine innere Haltung, (…) [in der] der Staat und seine Institutionen nicht nur als Objekte der Kritik firmieren, sondern als Feinde, die es zu bekämpfen gilt.“ – kommt der Autor mit dem ganz großen Aufwisch auf die Partisanen unter uns zu sprechen, von der Tea-Party über Montagsdemonstrationen zu Xavier Naidoo: Der IS wird zu einem Musterbeispiel, wie Politik, Konflikte und Auseinandersetzungen da wie dort in Gegenwart und naher Zukunft aussehen werden.

 

*Der Unterschied zwischen IS und bspw. Al-Qaida liegt gerade in dieser Nähe zu uns. Das liegt zu einem guten Teil am Internet und anderen technische Fortschritte, aber längst nicht alleine, wie die hier besprochenen Texte zeigen.

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