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Islamischer Staat: Drei lesenswerte Texte

17. Oktober 2014

So weit weg und uns fremd der Krieg des „islamischen Staates“ (IS) ist, so nah ist er uns. Schlachten werden per Liveticker übertragen; wer will kann die Videos von Enthauptungen westlicher Geiseln im Internet sehen; junge Leute von nebenan reden offenherzig darüber wann und warum sie in den Krieg ziehen werden; ein Video in perfekter Qualität zeigt das Leben in der IS-kontrollierten Stadt Rakka in Syrien, eine Französin dort erklärt ihrer Mutter, dass sie freiwillig in Syrien sei und nicht zurückkommen werde; die Kommunikation zwischen und mit den IS-KämpferInnen geschieht mit der gleichen Technik, mit dem gleichen Facebook oder Skype, das wir auch benutzen*. Trotzdem (oder gerade deswegen?) ist es westlichen Gesellschaften und Regierungen bislang kaum gelungen, das Phänomen IS intellektuell, politisch, kulturell und geschichtlich zu erfassen. Meines Erachtens liegt darin auch die Ursache für den bislang wenig erfolgreichen Umgang mit dieser neuartigen Form von Krieg und Kriegspartei – die in Zukunft vielleicht eher die Regel aus die Ausnahme darstellen werden. In letzter Zeit sind mir drei sehr interessante und erhellende Texte aufgefallen, die eine solche Einordnung des IS versucht haben:

IS: Nicht verschieden, sondern gleich wie wir

Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek vertritt in seinem Text in der „New York Times“ Anfang September die These, dass der IS keineswegs „antimodern“ sei, sondern eine Form von „pervertierter Moderne“, die sich in eine Reihe ähnlicher „konservativer Modernisierungen“ einreiht. Unterstützt wird dies bpsw. durch den sehr modernen PR-Auftritt. Die wesentliche Botschaft von Žižek ist denn auch, dass es sich beim IS eben nicht um Fundamentalisten handelt, sondern dass sie „wie wir sind und dass sie unsere Standards verinnerlicht haben und sich daran messen“.

IS denkt in westlicher Tradition

Ebenfalls im September erschien ein Text mit ähnlicher Richtung im englischen „Guardian“. Wichtig erscheint mir die Feststellung zu Beginn: „Angesichts der extremen Gewalttätigkeit der IS-Kämpfer und der Enthauptungen, ist es einsichtig dass wir versuchen sie als etwas radikal Anderes zu verstehen. Aber das hilft nicht beim Verständnis.“ Im Gegenteil: Der gegenwärtige Dschihad stamme nicht aus der Vergangenheit, sondern sei eine moderne, anti-traditionalistische Entwicklung mit starker Beeinflussung durch westliche politische Geschichte und Kultur. Dazu geht der Autor auf den vom IS-Anführer zitierten indisch-pakistanischen Journalisten und Vordenker des Islamischen Staates Sayyid Abdul Ala Maududi zurück, und dess Auffassung der französischen Revolution, nämlich dass ein Staat auf eine Sammlung von Grundwerten gestützt sei. Und dass entsprechend ein Mensch nur als StaatenbürgerIn denkbar ist, bzw. sich der staatlichen Struktur und ihren Regeln unterwerfen muss, was genau der im Westen üblichen Auffassung von Nationalität entspricht.

Die neuen Partisanen

Die zwei Texte soweit betonen also wie ähnlich in Denken und Traditionen der IS den heutigen westlichen Staaten ist – unabhängig davon wie sich der IS selber darstellt. Ein anderer Ansatz zeigt ein kürzlich erschienener Artikel in der „Zeit“. Ausgehend von Bildern von „Maskenmännern mit Maschinenpistolen“ des IS, aber auch in der Ukraine, wird dargelegt wie sich der IS mit der „Theorie des Partisanen“ von Carl Schmitt beschreiben lässt. Insbesondere wird auf vier individuelle Eigenschaften der Kämpfer eingegangen: Keine offizielle Uniform; eine starke Motivation für eine bestimmte Sache zu kämpfen; hohe Mobilität und Flexbilität, wobei heute noch die professionelle Kommunikation dazukommt; zudem ist er ein „neuer Typus des irregulären Kämpfers“, der „die Aufständischen aller Länder im globalen Kleinkrieg vereinigen sollte“. Dies führe, so wird ein russischer General zitiert, zu „nicht-lineare Kriegen“ mit „ungewohnten Mustern“.
Mit einem eleganten Schwenk – „Das Partisanische tritt heute (…) nicht als militärisches Phänomen, sondern als eine Art psychopolitische Disposition. Als eine innere Haltung, (…) [in der] der Staat und seine Institutionen nicht nur als Objekte der Kritik firmieren, sondern als Feinde, die es zu bekämpfen gilt.“ – kommt der Autor mit dem ganz großen Aufwisch auf die Partisanen unter uns zu sprechen, von der Tea-Party über Montagsdemonstrationen zu Xavier Naidoo: Der IS wird zu einem Musterbeispiel, wie Politik, Konflikte und Auseinandersetzungen da wie dort in Gegenwart und naher Zukunft aussehen werden.

 

*Der Unterschied zwischen IS und bspw. Al-Qaida liegt gerade in dieser Nähe zu uns. Das liegt zu einem guten Teil am Internet und anderen technische Fortschritte, aber längst nicht alleine, wie die hier besprochenen Texte zeigen.

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